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Berlin für Nachzügler | Teil I

Es hat seine Vorteile, fast eineinhalb Jahrzehnte in Berlin gelebt zu haben. Ausserhalb der Stadt umweht einen so ein latent mythologisches Gedunst aus Kleinkriminellenrap, Galeriengründergeist, im Club auf der Tanzfläche bumsen und im Sonnenaufgang den besten Freund besoffen von der Oberbaumbrücke in die Spree schubsen. 

Berlin. Raues Pflaster. Krasse Stadt. Vor allem bevor die Schwaben kamen und so. Je weniger du drüber redest und weglächelst, desto härter warst du vermutlich dabei und keiner kann dir was. Berlin brandet dich als authentisch und dabei. Innerhalb von Berlin muss es für Realness schon Neukölln sein oder frühes Kreuzberg, aufblühender Wedding oder MV, wenn du es richtig wissen willst. 

Ausserhalb Berlins, weit genug entfernt, um den Geruch der in Küchenöfen verglimmenden Braunkohle im Winter nicht mehr riechen zu müssen, ist Berlin genug. Stadtteil egal. Bis 300 km Entfernung sollte man vielleicht nicht unbedingt „Steglitz“ sagen, wenn man gefragt wird.  Ab 300 km aufwärts ist Berlin kiezneutral dasselbe. Solange man theoretisch von irgendwo in seiner Wohnung den Fernsehturm hätte sehen können, zählt man zu den Erleuchteten.

Unter Kennern findet ggf. noch ein Klugscheisser-Austausch darüber statt, in welchem Jahr nach der Wende man angekommen ist und wie real es da noch im PrenzlBerg war und wie krass Jutta noch 2006 für ihre 900 Quadratkilometer Altbau 45 Pfennig Miete gezahlt hat, während nebenan der Quadratmeter schon sechs Zentner Gold im Monat kostete. Kalt.

Dann gibt es noch die in Berlin Geborenen. 

Als in Berlin Geborener gleichst du Jesus, so unfassbar bist du. Du trägt vielleicht einen Vollbart, aber sicher keinen hippen, sondern so einen Scheiss-auf-Rasieren-die-Klingen-sind-so-teuer-Bart. Als Frau kannst du angeklebte Fingernägel und neonfarbene Miniröcke tragen und gleichzeitig einen Doktor in Physik haben. Dein derb aufgeladenes Subversiv-Kreativ-Kollektiv-Ich kämpft lebenslang mit dem Impuls, einen illegalen Club zu eröffnen oder dem Düsseldorfer Besitzer einer Galerie in Mitte aufs Maul zu hauen, bis das Nasenblut sich unauswaschbar mit seinem Pierre Cardin Pulli verbunden hat.

Fall Du nie in Berlin gewohnt hast, aber vielleicht irgendwo im nächsten Urlaub angetrunken mal ein bisschen alternatives Leben vorgaukeln willst, hier ein paar Hinweise, die es allerdings vorsichtig zu kombinieren und auszuschmücken gilt, falls du jemanden anlügst, der wirklich da gelebt hat, wo du glaubst, gerne gelebt haben zu wollen wegen wie geil ist das denn bitte, Berlin vor der Gentrifizierung, Alter!

Für Berlin musst du ein bisschen Strasse vorgaukeln können, also übst du besser Stänkern, dass es im Maul anfängt zu gammeln, wenn du nicht mit Sternburg nachspülst. Am besten imitierst du eine kleine bipolare Störung, die Du mit einem Cocktail aus nicht zu starken Psychopharmaka, Hartalk und bleigestrecktem Shit von der Strasse auspegelst.

Du hattest ein rostiges, klappriges Scheissrad, dass du am besten auf dem Flohmarkt am Landwehrkanal von einem gekauft hast, von dem alle wussten, dass er mit geklauten Räder dealt, aber halt schon so lange, dass er kein Scheisskerl mehr mehr war, sondern inzwischen ein Berliner Original. 

Du musst Futschi kennen und wegen Mexikaner mal den Weg nach Hause nicht gefunden haben (kommt aus Hamburg, ursprünglich, weiss ich, danke). Du redest nicht davon, im Berghain gewesen zu sein, sondern warst so oft da, dass du von anderen Geschichten über dich gehört hast, wie oft du da warst und was du alles Derbes erlebt hast.

Du kennst Seeed seit ihrem ersten Konzert und hast irgendwann mal Steine geschmissen gegen Bullen, die einen Späti räumen mussten, warst aber zu drauf, um noch zu sagen, wer dich aus der U-Haft geholt hat. Auf jeden Fall hattet ihr in Nacht darauf noch ziemlich guten Sex, meinst du. Ob Mann oder Frau, weisst du allerdings auch nicht mehr.

Du hast unvernünftige Liebe gemacht auf dem Klo vom Cookies und im Görli weisst du bis heute, bei wem es das gute Dope zu kaufen gibt. Du hast im White Trash mal Jared Leto getroffen und über die Razzien in der Hasenheide lächelst du nur müde – was sollen sie auch sonst machen?

Du kennst mehr Taxifahrergeschichten als Youporn Klicks am Tag hat und mit einem aus dem Remmo-Clan bist du eine zeitlang um die Häuser gezogen, ihr habt Wasserpfeife geschmaucht und euch zu deiner Verwunderung fürs Bode-Museum interessiert. 

Du hast im alten Magnet zu einem Arctic Monkeys Song einem Stuttgarter Zahnarztsohn dein Bier über den Billabong-Pulli geschüttet und bist in der Doku über die Bar 25 irgendwo um Minute 20 im Hintergrund zu sehen, aber leider etwas unscharf. Deine Abende im SO36 erinnerst Du nur noch düster, aber beim Wiener Blut wurde mal einer fast abgestochen, das weisst du noch wie heute, weil du natürlich gerade in der Ecke unterwegs warst.

Über den 1. Mai müssen wir nicht reden. Jeder weiss, wie es ist, wegen Polizei und Tränengas nicht zu seiner Wohnung durchzukommen und der Geruch von brennenden Kleinwagen erinnert dich heute noch an deine frühen 20er. Du magst Mastiffs und findest die U6 grauenerregend langsam, die U8 mitunter etwas grenzwertig und die M10 tierisch anstrengend wegen der Pubcrawl-Deppen und Erstsemester aus Friedrichshain. Beim Curry36 wusste in jeder Schicht jemand, dass du doppelt Curry Pommes Schranke mit extra scharf nimmst. 

Du bist zugekifft im Olympia-Stadion vom Zehner gesprungen, bist nachts im Grundewald vor Wildschweinen weggelaufen und hast mehrfach in der 41 deinen Rausch ausgepennt. Oder in der 42, alle verkacken das besoffen schliesslich mal mit der Ringbahn. Auf dem Tempelhofer Feld hast Du mit Freunden in einem Beet aus Palettenholz deutsche Hecke gezüchtet, aber nie verkauft, und im Mauerpark warst Du Karaoke-Stammgast, bevor es touri wurde. 

Dir wurde mal ein Atelier im Tacheles angeboten und du weisst, dass man LSD nicht nur nehmen, sondern auch dort zuhause sein kann. Das Fünf Ziegen sagt dir noch was wegen Union und von Andreas Tod hast du erst viel später erfahren. Beim Rammstein-Konzert ’96 in der Arena ist dir die brennende Tafel fast auf den Kopf gefallen und wenn dein kleiner Bruder ein Jahrzehnt früher nach Berlin gekommen wäre, hätte er wahrscheinlich Beef mit Kool Savas gekriegt.

Mittlerweile wohnst du woanders. Der Job. Die Liebe. Am besten sagst du: Berlin war irgendwann einfach nicht mehr das, was es mal war. Alle, die immer noch da sind, sind hängen geblieben auf irgendwas oder irgendwem und lügen sich schön, dass ihr ausgebliebener Erfolg Berliner Luft ist. In Berlin kannst du es nie wirklich probieren und trotzdem – mit genug Augenringen und Selbstgedrehter – Zugezogenen glaubwürdig vermitteln, dass einen Berlin halt fickt, egal wie hart man ist. Kein Stress. So ist das Leben, Alter. Das System halt. Lass einen bauen. Und überhaupt, verpisst euch alle mal besser aus meiner Stadt. 

Viel Erfolg beim so tun als ob. 

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