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Kopfkrieg.

Eigentlich sollte das eigene Gehirn einen ja mögen. 

Schliesslich trägt man es durch die Weltgeschichte, füttert es mit Geschichten, Bildern und mit gesundem Essen, Sonnenlicht, guten Büchern und von Zeit zu Zeit mit gutem Schnaps. 

Bei meinem Gehirn ist irgendwas grundlegend schief gelaufen. Genauer gesagt: es läuft permanent schief. Mein Kopf und ich befinden uns im Krieg. He-Man gegen Skeletor. Montagues gegen Capulets, T1000 gegen Terminator.

Tagein. Tagaus. 

Psychologen haben verschiedene Namen für die unterschiedlichen Brennpunkte dieses Gefechts Hirn gegen Träger. Bipolare Störung nennen sie es. Borderline-Syndrom. Manisch-depressive affektive Störung.

Ich habe keine Ahnung, welcher Begriff das, was seit 20 Jahren mein Alltag ist, am besten zusammenfasst. Es ist mir, nach Jahren der Therapie und Analyse, auch ein bisschen egal geworden. Wichtig ist, dass ich weiss, dass nicht ich das Problem bin. Sondern dass ich ein Problem habe, das sich in meinem Kopf abspielt. 

Nicht der gesunde, lebenshungrige, gar nicht so hässliche oder dumme Mann will untergehen. Es sind irgendwelche Fehlschaltungen im Gehirn, die ihm beständig einzureden versuchen, er sei das hinterletzte Stück Scheiße auf dem Planeten Erde und nicht die Luft wert, die er atmet. 

Es ist keine Stimme, die zu mir spricht. Ich habe keine schizophrene Psychose. Aufgrund meiner zehnjährigen Karriere als hartnäckiger Dauerkiffer kann man sogar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass ich keine schizophrene Disposition habe. Hat mein Psychiater mir erklärt. „Wenn Sie da anfällig wären, dann wäre es ausgebrochen, als Sie dem täglichen Cannabis-Abusus frönten“.

Natürlich hat er das nicht wortwörtlich so gesagt, aber „Abusus“ und „frönen“ sind so Worte, die irgendwie gut zu dem alten, schwulen Mann passen würden, der seit einem guten Jahr als Chefdiplomat zwischen mir und meiner Krankheit vermittelt.

Seit Jahren denke ich darüber nach, wie ich meinen Freunden und den Menschen, die es interessiert, erklären könnte, was da in meinem kahlrasierten Schädel los ist. Das sieht ja niemand von außen. Von außen betrachtet wirke ich, glaube ich, wie ein einigermassen souveräner Typ.

Früher hat der lustige Herr Hansen sein loses Mundwerk und den leicht ätzenden Humor dazu benutzt, um sich zu verstecken. Es durfte ja niemand mitbekommen, wie es dem klavierspielenden, sprachbegabten, charmanten blonden Sprücheklopfer wirklich ging.

Meinen Humor habe ich noch, er ist mir erfreulicherweise erhalten geblieben. Immer öfter denke ich, dass eigentlich nicht mein Humor mir, sondern ich meinem Humor erhalten geblieben bin. Ohne ihn gäbe es mich nicht mehr, so viel steht fest. 

Dass ein Humor, der auf der Zersetzung der eigenen Grundlage aufbaut, nicht immer massenkompatibel ist, leuchtet dem Einen oder der Anderen vielleicht ein. Ich bemühe mich wirklich, nicht zu viele meiner dunklen Ideen anderen vorzustellen. Deswegen bin ich in Wirklichkeit vielleicht auch längst nicht mehr so lustig, wie ich es früher einmal war. Lustig war ich eh nie. Bloss so ernst, dass es ohne Humor nicht auszuhalten wäre.

Mein Hirn als Attentäter einzuführen, jedenfalls den nicht gesunden Teil meines Hirns, ist der Versuch, mein mitunter seltsames Verhalten zu erklären. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich im Laufe meines Lebens irritiert, verletzt, vielleicht sogar traumatisiert habe mit meinem Verhalten. Es sind, fürchte ich, mehr, als es schön wäre. Vornehmlich Menschen, die mich mochten.

Das ist das Dilemma an dieser Krankheit: wenn Du Dir selbst Dein ärgster Feind bist, lässt Du besser niemanden in Deine Nähe, den Du magst. Sie bzw. er könnte ja etwas abbekommen, zum Kollateralschaden werden bei einem Deiner psychologischen Sprengstoffattentate auf Dich selbst.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, anders zu sein als ich es bin. Ich kenne das Leben nur so: als dauernde Kraftprobe mit dem inneren Gegner, der mich so gut kennt, wie ich mich selbst. Lange kannte er mich viel besser, als ich ihn. Ich habe Jahre gebraucht, um überhaupt zu kapieren, dass der ganze Selbsthass, die ganze Dekonstruktion und Selbstverneinung, nicht meine eigene Entscheidung sind.

Dass nicht ich es bin, der will, dass ich kaputt gehe. Sondern ein aus irgendwelchen Gründen gegen mich agierender Teil meiner Psyche. Natürlich gehört dieser Teil zu mir. „Love your enemies“ ist das Motto, mit dem man sich am besten befasst, wenn man in einer ähnlichen Lage ist wie ich.

Zunächst musste ich verstehen, dass an meinem Ich etwas nicht stimmt. Dann musste ich lernen, dieses Ich, an dem etwas nicht stimmt, zu akzeptieren. Damit bin ich bis heute beschäftigt. Keine Ahnung, wie gut es mir gelingt. Fertig werde ich niemals damit werden. Aber es ist so, wie es ist, in Ordnung.

Mir geht es gut genug, um diesen Text zu schreiben. Um mich um Jobs zu bewerben. Eine smarte, charmante und gutaussehende Freundin zu behalten. Mittlerweile geht es mir sogar gut genug, um ohne Panikattacken darüber nachzudenken, mich zu vermehren. 

Vor etwa acht Jahren stand ich auf einem Dach in Berlin und wäre fast gesprungen. 20 Meter tief, 5. Stock Altbau. Eigentlich wollte ich da oben bloss ein paar Fotos schiessen. Stattdessen habe ich mich beinahe umgebracht. Das klingt vermutlich etwas seltsam für manche. Ich selber finde es seltsam.

Ich hatte mir suizidales Verhalten immer so vorgestellt wie eine gute Geschichte: mit einer Exposition, einer Steigerung und einem Höhepunkt. Meine Geschichte vom beinahe frühzeitigen Ende meines Lebens erfüllt diese Dramaturgie nicht so recht. Ich stand oben auf diesem Dach und wollte bloss ein Stativ aufstellen. Mein Kopf machte zwei Schritte weiter, über den Rand hinaus, irgendwie konnten meine Füsse sich dagegen wehren. Ich fiel nicht. Stand nur da und dachte: „Das war’s also gerade fast“.

Natürlich kann ich im Nachhinein sagen, dass die Monate vor diesem Moment auf dem Dach eines leerstehenden Wohnhauses im Berliner Wedding durchzogen waren von deutlichen Warnzeichen. Ich habe mehr als ein Jahr lang meine Wohnung nur noch auf Kipp gelüftet aus Angst, dem düsteren Umpuls nachzugeben und mich durch ein geöffnetes Fenster in den Hof zu stürzen.

Meine Wohnung lag im 5. Stock. Unten im Hof, direkt unter meinem Fenster, gab es eine Treppe, die in den Keller führte. Ein Geländer umgab sie. Hundertfach überlegte ich mir, wie ich fallen müsste, um mit dem Hals so auf das Geländer zu krachen, dass er sicher brach. Sollte ja wirklich zu Ende sein, wenn es schon sein musste. Halbe Sachen waren noch nie mein Ding.

Wenn ich heute darüber nachdenke oder davon erzähle, wie es mir damals ging, ist es, als würde ich von einem verlorenen kleinen Bruder sprechen. Natürlich ist mir klar, dass ich das damals war, dieser bis auf den Grund seines Verstandes verzweifelte, fast gänzlich hoffnungslose junge Mann, der gerne leben wollte, den Gedanken aber nicht ertrug, es länger so aushalten zu müssen, wie sein Leben nun einmal aussah.

Im Vergleich zu damals bin ich ein anderer Mensch geworden. Vielleicht bin ich auch nur ein bisschen mehr zu dem Menschen geworden, der ich hätte sein können ohne die Krankheit. Wie auch immer: ich bin froh, diese teilweise schwierigen, teilweise unerträglichen Jahre überlebt zu haben. Ich bin froh, dass ich nicht gesprungen bin. Ich schreibe diesen Satz und wundere mich, dass ich es tatsächlich selbst bin, von dem ich gerade erzähle.

Kopfkrieg nenne ich diesen Text. Das ist anmassend, denn ich habe keinen Krieg erlebt. Echter Krieg, ein solcher, der außerhalb eines Kopfes stattfindet, ist fraglos etwas völlig anderes. Und doch ist es das einzige Bild, die einzige Analogie, die ich in 20 Jahren Krankheit und Wortklauberei als Autor gefunden habe, bei der ich das Gefühl habe, dass sie die Ausmasse des Konflikts mit mir selber auf einen Punkt bringt. Einen Punkt, der nichts verniedlicht, was nicht niedlich ist.

Ich ringe nicht manchmal mit mir. Ich zweifle nicht ab und zu ein bisschen an mir selbst. Ich bin nicht dann und wann ein bisschen unsicher und traurig. Ein Teil von mir macht Jagd auf mich.

Leider ist es nicht der dümmste und unsportlichste Teil von mir. Und sicher nicht der Rücksichtsvollste, Bescheidenste oder Ängstlichste. Ich spreche von einem Gegner, vor dem man sich umso mehr fürchtet, je besser man ihn kennenlernt. Von einem Meister der Tarnung. Einem Ass im Guerillakampf. Einem Experten in Sabotage, Zermürbung und Belagerung. Einem absoluten Topagenten, wenn es darum geht, mich zu vernichten.

Mir selbst.

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