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Demokratie und Skifahren sind dasselbe.

Ich war im Urlaub. Im Skiurlaub, um genau zu sein. Da habe ich eine Erkältung gekriegt. Und noch während ich die Erkältung auskurierte, war eine intensive Auseinandersetzung mit der politischen Lage in meiner Wahlheimat erforderlich. Dabei hat sich herausgestellt, dass Skifahren und Demokratie dasselbe sind. Teilweise jedenfalls.

Im Grunde bin ich kein explizit politischer Mensch. Ich gehöre keiner Partei an, beispielsweise. Ich lese unregelmässig Zeitung, schaue selten Nachrichten und höre „Echo der Zeit“ zwar gerne, aber keineswegs täglich. Ich könnte und sollte und müsste politischer sein, als ich es schlussendlich bin. 

Als halbwegs gebildeter, halbwegs aufgeklärter Mensch ist mir natürlich bewusst, dass eine Demokratie, für die sich niemand engagiert, nutzlos ist wie eine präparierte Piste, die niemand befährt. 

Schon hier hinkt der Vergleich zwischen Demokratie und Skifahren natürlich gewaltig, ich weiss. Er wird auch weiter hinken, aber der Einfachheit halber bleibe ich dabei: Demokratie und Skifahren sind im Grunde genommen dasselbe. 

Zum Beispiel die vielen Menschen, die meinen, sie wären gute Skifahrer, bloss weil sie auf ihren Carvern halbwegs unverletzt einen flachen Hang herunterkommen. Gute Skifahrer üben seit ihrem 2. Lebensjahr viermal wöchentlich, Ski zu fahren. Sie springen mit GoPros auf dem Helm aus Helikoptern in Lawinenhänge, rasen mit 120 Sachen Steilwände hinab und werden von Red Bull gesponsert. 

Wer, wie ich, sechs Tage lang perfekt präparierte Pisten ohne Bänderriss und ausgekugeltes Gelenk übersteht, ist kein guter Skifahrer. Wir sind, wenn überhaupt, glückliche Verbraucher. Hauptsächlich stehen wir Skitouristen uns als bunt bekleidete Hindernisse gegenseitig im Weg herum und gefährden unsere Gesundheit. Abends regen wir uns dann über die rücksichtslose Fahrweise der anderen auf, betrinken uns und dippen kirschschnapsgetränkte Brotstücke in warmen Käse.

Früher dachte ich: in der Schweiz müssten ja eigentlich lauter irrsinnig gute Skifahrer leben. So einfach, wie es hier ist, Ski zu fahren. Überall sind Berge, es schneit viel, zahllose herrliche Skigebiete an zahllosen wunderschönen Bergen und genug Geld, um sich den Skipass leisten zu können. 

Seit ich vor etwas mehr als zwei Jahren hergezogen bin, weiss ich, dass das ein Irrtum war. Bloss weil man hier jederzeit und wunderbar Skifahren könnte, heisst das noch lange nicht, dass alle es auch tatsächlich beherrschen. 

Dasselbe gilt für die Demokratie. Bloss weil man in einer basisdemokratischen Landschaft auswächst, heisst das nicht, dass man selber ein guter Demokrat wird. So wie es problemlos möglich ist, in Davos, Leukerbad oder Villars aufzuwachsen, ohne Skifahren zu können, kann man auch als BesitzerIn eines Schweizer Passes völlig unpolitisch sein.

Auf fast allen Gebieten des Lebens gibt es ein paar Profis, die ihr Geld mit dem verdienen, was für andere ein Hobby (oder weit weniger als das) ist. Dann gibt es die ambitionierten Amateure, die viel trainieren, aber ein bestimmtes Niveau nicht überschreiten. Und es gibt massenweise uns, die Touris, die alle paar Jahre mal in einem vorbeigeschneit kommen und bei Punsch oder Bierchen darüber reden, wie toll das doch eigentlich alles sei und warum man das nicht viel, viel öfter mache. 

Meine Entscheidung, in die Schweiz zu ziehen, hatte verschiedene Gründe. Häufiger Skifahren zu können war zwar ein durchaus verlockender Gedanke, ausschlaggebender war jedoch die Idee, Teil einer basisdemokratischen Gesellschaft zu werden. Ich bin tatsächlich in der Hoffnung hergekommen, ein besserer Demokrat zu werden. Welches Land wäre sonst so gut dafür geeignet wie die Schweiz? Man kann hier ständig Skifahren und ständig über etwas abstimmen. 

Eine meiner ersten bewusst wahrgenommenen Abstimmungen trug den Titel „Masseneinwanderungsinitiative“ und sorgte Anfang 2014 für viel Wut und Empörung unterm Wahlvolk. Denn die streitbare Initiative wurde angenommen, was für viele liberaler denkende Schweizerinnen und Schweizer ein grosser Schock zu sein schien. Das Gezeter war gross: Wie war so etwas möglich? Die bösen Bauern und die Milliardäre… 

Tatsächlich war es wohl eher so, dass ziemlich viele von denen, die dagegen gewesen sind, nicht abgestimmt haben. Ziemlich viele scheinen sich darauf verlassen zu haben, dass das alles schon auch gut komme ohne ihre Stimme. Funktioniert ja sonst auch. 

Traditionell bin ich kein prädestinierter Skifahrer. Von der Nordsee aus betrachtet ist Skifahren eine exotische Sportart. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern sich ab und zu einen Skiurlaub leisten konnten. Mich mussten sie mitnehmen, weil ich ihr Kind war. So kam ich früh in den Genuss, Skifahren zu lernen.

Ich hatte das Glück, in einem Land zur Welt zu kommen, in dem man Skifahren konnte. Man musste bloss einen Haufen Geld bezahlen und durfte Skifahren. Ich habe immer die Kinder beneidet, die dort lebten, wo wir Skiurlaub machten. In der Schweiz konnten sie so oft Skifahren gehen, wie sie wollten, dachte ich. Das hätte ich auch gewollt. 

Ein paar Jahre später ging mir auf, dass ich in der Schweiz nicht nur ein besserer Skifahrer, sondern auch ein besserer Demokrat geworden wäre. Anders als in Deutschland durften die Leute hier ja nicht nur ständig Skifahren, sie konnten auch ständig über etwas abstimmen. Das wollte ich auch. 

Noch ein paar Jahre später zog ich in die Schweiz. Und seit ich hier lebe, fahre ich tastsächlich häufiger Ski als früher. Weil es mehr Berge gibt, die schneller zu erreichen sind. Weil die Infrastruktur dazu einlädt und einige meiner neuen Freunde gute Skifahrer sind. Trotzdem ist mir mittlerweile aufgefallen, dass auch in der Schweiz nicht jeder ein guter Skifahrer ist. 

Es gibt Profis, die dort aufgewachsen sind, wo man jeden Tag Skifahren kann. Manche verdienen sogar ihr Geld als Skifahrer und werden berühmt. Dann gibt es zahlreiche Amateure, die so oft es geht Skifahren, im eigentlichen Leben aber einen Job haben und sich nicht als „Skifahrer“ vorstellen würden.

Und dann gibt es auch hier die grosse Masse derer, die alle paar Jahre in einem Skigebiet vorbeischneien und bei Punsch und Fondue drüber reden, dass das ja sei wie Fahrradfahren und Schlittschuhlaufen – man verlerne das eben nie.

Hier, wo die Teilnahme am Schneesport und am politischen Prozess so nahe liegen, wird deutlich, dass man nicht gut in etwas wird, bloss weil man in einer Umgebung lebt, in der es naheliegen würde, viel zu trainieren. 

Es gibt schliesslich keinen Skifahrzwang in diesem Land. So wie es keine Wahlpflicht gibt. Man kann, wenn man will, zigmal pro Jahr Skifahren bzw. abstimmen. Genauso gut kann man aber auch hier aufgewachsen sein, ohne jemals einen Hang hinuntergeschlittert bzw. eine Abstimmung mitgemacht zu haben. Niemand muss Skifahren, bloss weil es geht. Die Schweiz ist sozusagen das Land der unbegrenzten Skifahr-Möglichkeit.

Meine Entscheidung, hierher zu ziehen, hatte verschiedene Gründe. Häufiger Skifahren zu können war ein Argument, sehr viel wichtiger aber war die Aussicht darauf, Teil einer basisdemokratischen Gesellschaft zu werden. Man könnte sagen: ich bin in die politischen Berge gezogen, um herauszufinden, wie schlecht ich bisher eigentlich Ski gefahren bin. 

In Deutschland, wo ich wählen durfte, war es einfach, sich aus der Politik herauszuhalten. Alle paar Jahre musste ich in einem nahe gelegenen Schulhaus ein paar Kreuze auf vorgedruckte Listen machen. Danach konnte ich mich für weitere vier Jahre in die passive Unzufriedenheit zurückziehen. Auch in der Bundesrepublik ist politische Apathie kein Grund, stolz auf sich zu sein. Aber sie lässt sich dort bequemer ignorieren.

Eine meiner ersten bewusst miterlebten Abstimmungen fand 2014 statt und sorgte für einigen Wirbel in der Eidgenossenschaft. Als die „Masseneinwanderungsinitiative“ angenommen wurde, herrschte Bestürzung unter meinen Schweizer Freunden. Wut und Empörung waren gross – wie hatte das bloss geschehen können? Was für ein rückständiges Land diese Confoederatio Helvetica doch war!

Tatsächlich war es wohl eher so, dass nicht wenige von denen, die sich hinterher furchtbar aufgeregt haben, gar nicht abgestimmt haben. 

Diese dauernden Plebiszite kosten ja auch eine Menge Zeit und Energie. Man muss das ganze Zeug lesen und am besten sollte man es dann noch diskutieren, um sich eine Meinung zu bilden, die man dann auch noch rechtzeitig abgeben soll. Und das alles mehrmals pro Jahr.

Zugegebenermassen: nicht alle Initiativen und Referenden sind weltbewegend. Mitunter denkt man sich: kann das nicht vielleicht irgendeine Expertin entscheiden? Muss man das Stimmvolk bemühen, wenn es um die Frage geht, ob an der östlichen Umgehungsstrasse ein zweiter Krötentunnel gebaut werden soll?

Wenn man Basisdemokratie will, muss man wohl. Und obwohl ich vollstes Verständnis dafür habe, dass man zwischendurch immer mal wieder keinen Bock drauf hat, seinen Senf zu allem abzugeben, über was da abgestimmt werden soll: es ist doch ein ziemlich wertvolles Gut, mit dem man da hantiert.

Um die Parallele zum Skifahren wieder herzustellen: Demokratisch wird man nicht, weil man in einem Land aufwächst, in dem Demokratie herrscht. So wie man nicht Skifahren lernt, bloss weil man einen Schweizer Pass besitzt. 

Ich werde nie mehr ein so guter Skifahrer wie jemand, der auf der Piste aufgewachsen ist. Aber ich sehe durchaus Chancen für mich, eines Tages elegant durch einen steilen Tiefschneehang zu pflügen. Obwohl ich nie mehr einer von denen werde, die mit der GoPro auf dem Helm aus einem Heli abspringen: ich bin motiviert, die bestehenden Skifahrmöglichkeiten so oft es geht zu nutzen. 

Natürlich kriege ich nicht jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, dass ich in einem Skifahrerland lebe, meinen Hintern hoch und gehe Skifahren. Aber ich bin froh darum, so viel häufiger mit der Möglichkeit konfrontiert zu werden. Es erinnert mich daran, wie viel Glück ich habe, in einer Region der Welt leben zu dürfen, in der ich jederzeit Skifahren kann, wenn ich es möchte. Es wird mir leicht gemacht. So leicht, dass es für manche selbstverständlich wird. 

Falls ich es einmal zu einem Schweizer Pass bringe und damit wahlberechtigt werde, kann ich nicht ausschliessen, dann und wann eine Abstimmung zu verpassen. Aber ich freue mich sehr darauf, dauernd nach meiner Meinung gefragt zu werden. Aufgefordert zu werden, Stellung zu beziehen zu Themen, die manchmal die Strasse vor meiner Wohnung, manchmal die Zukunft des Landes betreffen, in dem ich lebe.

Es wird einem in der Schweiz leicht gemacht, ein guter Skifahrer und ein guter Demokrat zu sein. Manch eine und manch einer, die hier aufgewachsen sind, scheint das verdrängt zu haben. Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, Menschen aus Regionen der Welt, in denen das Skifahren viel schwieriger oder gar unmöglich ist, die Teilnahme am hiesigen Skizirkus zu erleichtern.

Denn es ist nicht nur sehr gut möglich, sondern geradewegs logisch, dass manch zugezogener Enthusiast zu einem besseren Skifahrer wird als die eine oder der andere eidgenössische Nachbar. Für nicht wenige Schweizerinnen und Schweizer scheinen Schnee und Basisdemokratie jedenfalls eher ein Hindernis auf dem Weg zur Arbeit darzustellen als eine wertvolle Habe. Oder warum ist die Wahlbeteiligung so niedrig? 

Ich werde fraglos nie mehr ein so guter Skifahrer wie jemand, der auf der Piste aufgewachsen ist. Keine Chance. Aber ich sehe Chancen für mich, eines Tages elegant durch einen steilen Tiefschneehang zu pflügen. Für mich ist Skifahren etwas sehr Spezielles. Jedes Mal, wenn ich morgens aufwache und mir bewusst mache: „ich könnte heute Skifahren, wenn ich wollte“, ist das etwas Besonderes. 

Es wird einem in der Schweiz leicht gemacht, ein besserer Skifahrer und ein besserer Demokrat zu werden. Manch eine und manch einer, die hier aufgewachsen sind, scheinen das verdrängt zu haben. Aber wie beim Skifahren ist es auch in der Demokratie so, dass Übung den Meister macht.

Und auch wenn man kein Profi mehr wird oder nie werden wollte: die Möglichkeiten, die einem hier zur Verfügung stehen, nicht zu nutzen, ist in der einen Hinsicht bedauerlich, in der anderen schlichtweg ein gesellschaftliches Desaster. 

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