Zum Inhalt springen

Auszug aus „ENTGLEIST“

Noch während der Einfahrt beginnen die Wartenden zu drängeln, als lauerten sie auf die Ausgabe von Hilfspaketen und nicht auf die Ankunft eines gottverdammten Zuges. Natürlich stehen alle falsch. Weil die Wagen nie dort halten, wo sie halten sollen. Vor allem aber, weil ein Großteil der bahnfahrenden Bevölkerung zu faul oder zu dämlich ist, auf Wagenstandsanzeiger zu schauen und lieber willkürlich den Bahnsteig blockiert. Petja beißt in sein Käsebrötchen, nimmt einen Schluck Kaffee und kann ein Lächeln nicht unterdrücken, als sich vor der Kulisse des bremsenden ICE die Feiertagsprozession in Bewegung setzt.

Hunderte Menschen aus Abschnitt A und B ziehen los, Abschnitt F und G zu erreichen, während hunderte andere dasselbe in umgekehrter Richtung versuchen. Alle tun dies gleichzeitig und nutzen natürlich dieselbe Seite des Bahnsteigs. Bis auf wenige Vernunftbegabte, wuchten nun also Scharen erwachsener Menschen kühlschrankgroße Rollkoffer durch ein Gewirr aus schwitzenden Beinen, reißenden Plastiktüten und kreischenden Kindern. Man flucht, rempelt einander an und verfasst, vorbeugend und im Stillen, bereits Zurechtweisungen, die man später über jene Mitreisenden ausleert, die sich auf offensichtlich reservierten Plätzen niedergelassen haben.

Die Konsistenz der Gurkenscheiben auf seinem Brötchen vom Bahnhofsbäcker erinnert Petja an die grünen Schleimklumpen in Dosen, die sie als Kinder durch die Räume ihrer Grundschule geworfen haben, bis sämtlicher Dreck eines Schuljahres in ihnen gebunden war. Der Geschmack des Gemüses ertrinkt glücklicherweise in völlig überwürzter Remoulade, mit der die Aromafreiheit des Formkäses kaschiert werden soll. Aber der Kaffee ist gut. Nicht zu heiß; stark, aber nicht bitter; mit einer leisen Holznote. Petja denkt diesen Satz tatsächlich und schämt sich sogleich ein wenig dafür. Er versucht mit allen Mitteln zu vermeiden, einer dieser Hauptstadtyuppies zu werden. Aber es ist nicht leicht. Mittlerweile hat er einen Hartschalenkoffer mit vier Rädern und TSA-Schloss, lärmreduzierende BOSE Kopfhörer und trinkt Kaffee, dem er heimlich Holznoten attestiert. 

Eine leuchtröhrengebräunte Geschäftsfrau rammt telefonierend einer kleinwüchsigen Oma einen nagelneuen Rimowa-Koffer in die Hacken, schneidet einer entgegenkommenden Kleinfamilie den Weg ab, prallt in einen nach Schweiß stinkenden Mann Mitte 50 und flucht sich, als wären alle anderen die Arschlöcher, in Richtung der ersten Klasse weiter. Ein überforderter Vater zerrt seinen etwa dreijährigen Sohn in den Zug, als wäre das Kind ein überflüssiges Gepäckstück seiner zukünftigen Exfrau. Ein russischer Oligarchendarsteller lässt seinen Zorn an einer Zugbegleiterin aus, die ihn ansieht, als überschlage sie, wie viel Plutonium jemand verschlucken muss, um keinesfalls zu überleben. Wer Augen hat, zu sehen, denkt Petja, kann sich, nachdem er an einem zweiten Weihnachtsfeiertag eine Bahnfahrt unternommen hat, nicht allen Ernstes fragen, warum die Demokratie zugrunde geht.

Dann sieht er sie. Keine zwanzig Meter steht sie neben ihm. Dass sie kein Gepäck dabei hat, wird Petja erst viel später auffallen. Sie lehnt auf dem Geländer und betrachtet den Strom gestresster Reisender offenbar mit demselben zoologischen Interesse, wie er selbst. Hübsch ist sie. So hübsch, dass er sich fragt, ob sie nicht vielleicht einfach nur sehr hübsch ist und gar nichts Relevantes denkt, während sie so dasteht und immer hübscher wird. Ein Verdacht, gegen den Petja nichts ausrichten kann, so unfair er ihm selbst erscheint. Wer so aussieht, kann nicht noch mit Hirn, Herz und Humor gesegnet sein. Da sie den Kopf gedreht hat, kann er jetzt ihr ganzes Gesicht sehen, was seine ketzerischen Überlegungen untermauert.

Was für eine grauenhafte Vorstellung, Vater einer solchen Tochter zu sein, schießt es ihm durch den Kopf. Da lächelt sie, als hätte sie seinen Gedanken gehört. Und Petja erkennt, dass nicht sie die Dumme ist, sondern er. Die Tatsache, dass sie ihren Kopf gedreht hat, war ihm nicht entgangen. Wohl aber die logische Folge dieser Veränderung: sie schaut ihn an. Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Petja gelingt etwas, das man mit viel gutem Willen als verschmitztes Lächeln deuten könnte. Ihm geht das Wort „Wundstarrkrampf“ durch den Kopf. Er schluckt Brötchenbrei herunter, spült mit einem Schluck Kaffee nach und überlegt noch, ob er seinen Rollkoffer stehen lassen oder einen Versuch wagen soll, ihn einigermaßen lässig mit zu ihr herüber zu schieben, da macht die hübsche junge Frau vier Schritte zur Bahnsteigkante und hopst ins Gleis. 

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.