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Auszug aus: “Schweizer werden”.

1

Irgendwann wollte ich dazugehören. Einer von ihnen werden. Nicht so werden wie sie, das wäre töricht gewesen. Aber dazugehören. Eine Breitling anlegen und es normal finden, drei Mal im Jahr auf Mauritius surfen zu gehen. Essen zu gehen für den Preis eines klapprigen Gebrauchtwagens. Auf Dachterrassen sitzen, die zu Wohnungen gehören, deren Besitzer mehr Geld im Jahr verdienen, als Einfamilienhäuser dort kosten, wo ich geboren bin. Ihr Reichtum zog mich an, und ich hatte mich dazu entschlossen, mich von ihm absorbieren zu lassen. 

Ich begann, weiße Hemden zu tragen, ohne dass es einen Anlass gab. Früher habe ich weiße Hemden angezogen, wenn eine Hochzeit oder ein Begräbnis jemanden aus der Welt der Lebenden verabschiedete. Nun trug ich sie, wenn ich Bier trinken ging mit meinen neuen Freunden. Ich fiel nicht großartig auf, abgesehen von meinem fehlenden Dialekt, natürlich.

Aber ich verstand sie, wenn sie miteinander über ihre Jugendsünden sprachen, die größtenteils harmloser waren als die wenigen Dinge, die ich als gute Taten meiner Adoleszenz hervorgehoben hätte. Alles, was sie getan oder was ihnen geschehen war in ihren Leben, schien gepolstert von einer für mich mitunter obszönen Idylle. Natürlich gab es Ausnahmen unter ihnen, die eine ähnlich verdorbene Jugend gehabt hatten, wie ich. Aber auch von ihnen unterschied ich mich. Mein Leben war, alles in allem, die Ramschausgabe ihrer Leben. Mir verschaffte das einerseits einen Vorteil, der darin bestand, für authentischer gehalten zu werden, als ich tatsächlich bin. Der größte Nachteil war, bestimmte Codes nicht zu kennen, über das sich ihr privilegiertes Selbstverständnis manifestierte.

Im guten wie im schlechten Sinne war und blieb ich ein Exot, obwohl unsere Herkunftswelten keine 1000 Kilometer auseinander lagen. Ich konnte mir die schönste und stilvollste Armbanduhr von allen zulegen – sie würde stets am Handgelenk des Zugezogenen schlackern. Dem Arm des Aufsteigers. 

2

Ich lernte Tennis spielen und die Stifter der zahlreichen Museen unterscheiden, deren Tempel der Kunst die Stadt übersäten wie Münzen den Grund eines Wunschbrunnens. Ich lernte so zu gehen, wie sie gingen – vorsichtig, so als würde der Asphalt unter groben Schritten brechen. Ich gewöhnte mir ihre distanzierte Höflichkeit an, mit der sie einander begegneten. Man verdiente sich diese Höflichkeit nicht durch Wohlstand oder Einfluss, sondern allein dadurch, die Kausalität der Dazugehörigkeiten nicht zu hinterfragen. Vetternwirtschaft und Korruption herrschen überall, wo Menschen sind. Der Trick besteht darin, so elegant zu agieren, dass das, was unter anderen Umständen für mafiöses Gebaren gehalten werden könnte, als unvermeidlicher Rauch des alle wärmenden Feuers wahrgenommen wird.

Ihre Sprache lernte ich nicht. Sie war meiner so ähnlich, dass man sich verstand, wenn jeder bei seiner Muttersprache blieb. Zugezogene aus meinem Vaterland, die meinten, sich durch die Nachahmung der Mundart ihrer Gastgeber erfolgreicher assimilieren zu können, verhinderten damit in den meisten Fällen ihre Integration eher, als dass sie sie beförderten. Zu versuchen, jemand zu sein, der man nicht war, galt als unschicklich. Zu versuchen, einer von ihnen zu sein, obwohl man es nicht war, kam einer Beleidigung gleich. Es war mehr als ein paar Dialekte und das politische System, durch das man sich hier von den Nachbarn unterschied. Wer glaubte, die Identität der Gastgeber durch ein bisschen Sprachunterricht imitieren zu können, diskreditierte sich und bestätigte unfreiwillig den Eindruck vieler Einheimischer, von den Bewohnern der Anrainerstaaten nicht für voll genommen zu werden. 

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