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Vor dem Teilen: kurz verweilen.

#flattenthecurve – überall ist zurzeit davon die Rede. Es geht um die Verlangsamung der Verbreitung des Coronavirus. Ebenfalls hilfreich wäre es, die Verbreitung von Fakenews zur aktuellen Krise zu verlangsamen, die sich viral im Internet verbreiten. 

Sonntagmorgen. Es ist 6:30, als ich aufwache. Kaffee machen. Zeitung lesen im Internet. Und, ja, auch Facebook wird besucht. So alt bin ich, dass ich dort noch herumgeistere. Da kommt mir ein Artikel des „Guardian“ unter. Ibuprofen stehe im Verdacht, den Krankheitsverlauf von COVID-19 zu verschlimmern. Der französische Gesundheitsminister hat selbiges auf Twitter geschrieben. Ich teile den Artikel. Ist ja wichtig, das zu wissen. 

Drei Minuten später. Der erste Kommentar eines alten Freundes. „Bist du sicher, dass das keine Fakenews sind? Hier bei uns machen irgendwelche ominösen WhatsApp-Nachrichten die Runde. Ich würde das nochmal prüfen.“ 

Da ich den Herren, der mir schreibt, als sehr besonnenen Menschen kenne, lösche ich sicherheitshalber meinen Post wieder. Nach 10 Minuten Recherche stellt sich heraus: Bisher sind die negativen Konsequenzen von Ibuprofen nur eine Hypothese. Bewiesen ist noch gar nichts. Ich habe mich also gerade der Multiplikation nicht belegbarer Informationen schuldig gemacht. 

Vom Druck, zu den Ersten zu gehören. 

Mindestens so ansteckend wie COVID-19 ist in Zeiten allgegenwärtiger „Teilen“-Buttons die virale Verbreitung von Falschmeldungen. Aufgrund der Geschwindigkeit, in der sich heute Nachrichten verbreiten (und dem damit verbundenen Druck auf JournalistInnen, schnellstmöglich zu publizieren), sind wir permanent gefährdet, Unfug an hunderte Menschen weiterzuleiten, weil wir, wie viele JournalistInnen, gerne zu den ersten gehören möchten, die etwas wussten. 

Das Internet ist, so viel steht fest, in mancher Hinsicht schlicht und ergreifend zu schnell für die meisten uns. Oder aber: wir sind zu langsam, um mit dem World Wide Web mitzuhalten. Die vertraute Timeline auf dem eigenen Computer wiegt uns in Sicherheit: wir liken und sharen aus persönlichen Motiven, beeinflussen dabei jedoch ggf. die Meinungsbildung von grossen Menschengruppen, ohne in Ruhe über die möglichen Folgen nachzudenken. 

Virtual Distancing – auf Abstand gehen zu potentiellen Fakenews 

Sich sozial distanzieren, neue Umgangsformen finden und alltägliche Gewohnheiten infrage stellen, um die Ausbreitung des Virus zu entschleunigen – was wir derzeit in der physischen Welt tun, sollten wir auf die digitale Welt übertragen. 

Einen Sicherheitsabstand halten zu potentiellen Überträgern von Falschmeldungen (also so ziemlich jeder digitalen Persona). Nicht jede Meldung oder Nachricht direkt mit Handschlag begrüssen und allen in der Runde vorstellen – sondern vielleicht eher freundlich nicken und abwarten. Vor dem Klick auf den Teilen-Button oder die Weiterleitung scheinbar vertrauenswürdiger Nachrichten per Messenger einfach kurz innehalten. Recherchieren. Vielleicht eine Seite wie mimikama.at besuchen, die professionell Fakten checkt. Und dann erst das Risiko eingehen, andere mit den eigenen Gedanken anzustecken. 

«Erst denken, dann klicken». 

In Zeiten wie diesen scheint mir das bald so wichtig, wie Hände zu waschen. Ich jedenfalls werde es mir eine Lehre sein lassen, heute Morgen aus dem Bauch heraus den Beitrag einer renommierten journalistischen Instanz geteilt zu haben, ohne kurz nachzusehen, was denn eigentlich hinter deren Story steckt. Den Slogan der oben erwähnten Fakten-Check-Seite mimikama.at muss jedenfalls auch ich mir einmal mehr hinter die Ohren schreiben: 

«Erst denken. Dann klicken.»

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Photo by Joe Green on Unsplash

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