Foto Scheitern als Symptom

Scheitern als Symptom

Martin Haug, Jahrgang 1955, war ein paar Jahre lang in Basel-Stadt die Ansprechperson für alle, die nicht nur die „normalen“ Hürden des Alltags bewältigen müssen. Der in Bern geborene Vater von vier Kindern war Inhaber der Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit einer Behinderung. Bis Ende 2016, als diese Fachstelle im Zuge eines Sparprogramms geschlossen wurde. Haug ist aber auch: Angehöriger. Eines seiner Kinder musste wegen einer psychischen Erschütterung in therapeutische Behandlung. Einige Jahre ist das mittlerweile her.

„Als ich meinen Sohn zum ersten Mal in der Psychiatrie lassen musste, bin ich fast gestorben“, erzählt er. Die Einweisung in eine psychiatrische Klinik ist nicht nur für die Patientinnen und Patienten mit einem Schock verbunden. Auch und gerade die Angehörigen sind mit der Situation meist überfordert – und allein. Bis heute steckt das Bild des „Drinnen“ und „Draussen“ in den Köpfen der Menschen: jemand wird eingewiesen in eine geschlossene Abteilung – schon in unserer Sprache ziehen wir die Mauern hoch, die die vermeintlich normale von der Welt der „Verrückten“ trennen.

Dieser Versuch einer radikalen Abgrenzung ist durchaus nachvollziehbar: Die Unberechenbarkeit der menschlichen Psyche ist beängstigend. Die meisten von uns werden irgendwann in ihrem Leben mit einer ausgewachsenen psychischen Krise konfrontiert. Sei es als Betroffene*r, sei es als direkte*r Angehörige*r. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, liegt beispielsweise bei rund 20% . Statistisch gesehen sind psychische Erschütterungen also etwas ziemlich Normales.

Vier Jahre ist es her, dass M.s jüngste Tochter in eine akute psychische Krise geriet. Seither ist die damals 13jährige in Behandlung. Die plötzliche Wucht, mit der die psychische Erschütterung sein Kind traf, übertrug sich auch auf die Familie des 1970 in London geborenen Berufskletterers. „Binnen drei Monaten sind wir von einer glücklichen fünfköpfigen Einheit zu fünf unglücklichen, voneinander isolierten Individuen geworden“, erzählt er. „Plötzlich stehst du am Abgrund und musst einsehen, dass du mit deiner heiss geliebten Kommunikation nicht weiterkommst.“

Gerade dann, wenn ein junger Mensch psychisch erkrankt, wird die Verantwortung schnell bei den Eltern gesucht. Natürlich gibt es dysfunktionale Familiensituationen, in denen die stabilste Kinderpsyche Schaden nimmt. Es trifft jedoch genauso Kinder, die in einer idyllischen Welt aufwachsen. Umso stärker treibt die zentrale Frage nach dem „Warum“ die Betroffenen, ihre Angehörigen und die behandelnden Ärztinnen und Ärzte um.

„Du durchstöberst das Leben deines Kindes, du suchst nach Gründen, Ursachen, Weichenstellungen. Du fragst dich wieder und wieder: was haben wir falsch gemacht?“, beschreibt M. den Versuch, die Krankheit seiner Tochter zu begreifen. „Für meine Frau und mich war am wichtigsten, das Schicksalhafte unserer Situation zu akzeptieren“. M., der seinen Lebensunterhalt damit verdient, in schwindelnder Höhe auf schwankenden Bäumen herumzuklettern, ringt einen Augenblick um Gleichgewicht. Dann ergänzt er: „Und damit meine ich nicht, dass wir uns von unserer Tochter distanziert hätten.“

Martin Haug bestätigt: „Auch ich nehme das bis heute als den anspruchsvollsten und für mich prägendsten Aspekt der Geschichte wahr: die Emanzipation vom Schuldgedanken und die Hinwendung zu der Frage, was die Logik einer psychischen Krise noch sein könnte. Das Problem wird ja tendenziell individualisiert: die betroffene Person tickt halt nicht richtig, oder eben: das Umfeld ist kaputt. Dass allein die Definition einer psychischen Erschütterung als Krankheit exklusiven Charakter hat, der die betroffene Person ausschliesst und damit einen wesentlichen Aspekt ihres Leidens verstärkt – darüber spricht man selten“.

Das Ausgeschlossensein aus der Gesellschaft der Gesunden, der sogenannten Normalen, ist für Betroffene eine beängstigende Erfahrung. Die mit ihr verbundene Einsamkeit trägt massgeblich dazu bei, die Schuld für das „emotionale Versagen“ bei sich selbst zu suchen. Auch und gerade als Betroffene*r sucht man nach Erklärungen. Nach Schubladen.

Psychische Krisen aber haben meist komplexe und nicht selten auch: diffuse Ursachen. Wechselwirkungen genetischer, chemischer, medizinischer und sozialer Faktoren gilt es da bei der Diagnostik zu berücksichtigen. Gebrochene Beine, ein Herzinfarkt oder eine Verbrennung dritten Grades lassen sich vergleichsweise leicht identifizieren. Die Ursachen psychotischer Zustände, plötzlicher Angstattacken oder manischer Depressionen eindeutig zu definieren, ist hingegen bis heute schwierig bis unmöglich.

Das macht psychische Krisen so unheimlich. Sie sind beängstigend, schockierend und stellen in ihrer Unberechenbarkeit eine massive Verunsicherung dar. Ihren Ursachen auf den Grund zu gehen, bedeutet schliesslich auch, den Begriff der Normalität in Frage zu stellen. Was wiederum eine Bedrohung für all diejenigen darstellt, die in dieser Normalität ihren Platz gefunden haben.

Eine klare und eindeutige Trennung zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit dient also nicht zuletzt der Sicherung des Referenzsystems unserer Leistungsgesellschaft: jede*r könnte, wenn er nur genug wollen würde. Wer es nicht schafft, wird versorgt, verliert damit aber sein Recht auf Mitgestaltung.

Eine sogenannte Behinderung, sei sie nun psychischer oder physischer Natur, wird auch in einer privilegierten Gesellschaft wie der Schweiz noch immer häufig damit gleichgesetzt, ein*e Bürger*in zweiter Klasse zu sein. Geld zu kosten statt welches reinzuholen. Ein Klotz am Bein zu sein. Natürlich äussert diesen Gedanken kaum jemand, der halbwegs bei Verstand ist, laut. Aber er spukt durch erstaunlich viele Köpfe. „Es wird doch so viel unternommen, was wollen die denn noch?!“

Auf diese Frage gibt es eine einfache Antwort: Dasselbe wie all diejenigen, die als unbehindert durchgehen. Die, die nicht brustabwärts gelähmt im Rollstuhl sitzen; die, die problemlos hören, sehen und sprechen können; die, denen kein biochemisches Ungleichgewicht im Hirn das Leben zur Hölle macht und die mit keiner kognitiven Einschränkung zu kämpfen haben.

Sie möchten, dass man ihre Privatsphäre respektiert. Dass man nicht über ihre Köpfe hinweg entscheidet, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie legen Wert darauf, dass man ihnen zuhört, ihren Einschätzungen Respekt zollt und sie als gleichberechtigte*n Gesprächspartner*in auf Augenhöhe behandelt. Sie möchten selbst entscheiden, wie und wo sie leben. Kurzum: Sie wollen für voll genommen werden.

Inklusion hat nichts damit zu tun, die überhöhten Erwartungen einiger Sonderlinge zu erfüllen. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass jede und jeder in unserer Gesellschaft ähnliche Chancen hat, am sozialen, kulturellen und politischen Leben teilzunehmen. Es geht um die Grundrechte aller Bürgerinnen und Bürger – unabhängig von ihrem Gesundheitszustand. Um eine demokratische Selbstverständlichkeit also.

Martin Haug fasst es so zusammen: „Unsere Kultur hat das Interesse am Schrägen, Andersartigen verloren. Viele Menschen nerven sich, wenn jemand aus dem Rahmen fällt, weil das den Betrieb aufhält. Das wiederum nervt mich gewaltig“.

„Mir war der Begriff Inklusion gar nicht so geläufig“, erzählt M. „Was er beschreibt, die Vielfalt von Menschen zu zelebrieren und ihnen gleiche Rechte zuzugestehen, ist für mich selbstverständlich“. Eine Überzeugung, die leider immer noch häufig voraussetzt, das Gegenteil erlebt zu haben.

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