Hier sollte ein Bild stehen

Sein erstes Mal.

Eigentlich sollte dieser erste Text vom ersten Mal handeln. Vom ersten Mal Psychiatrie, um genau zu sein. Davon, wie ein Mensch, der sich bis dahin zu den einigermassen „Gesunden“, den halbwegs „Normalen“ zählte, den sprichwörtlichen Gang nach Canossa antritt und sich einliefert. Weil er (oder sie) nicht mehr weiss, wie es weitergehen soll ohne fremde Hilfe.

Weil die eigene Psyche, dieses fragile, hochsensible Zentrum von Persönlichkeit, Bewusstsein und Identität im wahrsten Sinne des Wortes den Geist aufgibt. Das passiert. Öfter, als man meint sogar. Treffen kann es jeden. Niemand ist sicher davor, psychisch krank zu werden. Nur will das keiner wahrhaben, solange man sich noch zu den Gesunden zählt. Zu beängstigend ist die Vorstellung, dass einen der eigene Kopf als Geisel nehmen könnte.

Aber er kann.

Regel Nummer 1

„Hab den Mut, nein zu sagen, wenn Du mit einer Behandlung oder einer Massnahme nicht einverstanden bist. Du bist kein Schaf.“

Als ich S. anrufe, kennen wir uns nicht. Ein paar kurze Mails und SMS haben wir uns geschickt, um einen Termin für unser Gespräch auszumachen. Das war’s. Ein gemeinsamer Freund hat uns verlinkt, mehr verbindet uns nicht miteinander. Ausser das Thema, über das zu sprechen S. eingewilligt hat.

Am Telefon begrüssen wir uns und ich bedanke mich für seine Bereitschaft, überhaupt mit mir zu reden. Nicht jeder hat Lust dazu, einem Wildfremdem Zugang zu den Abgründen seiner Seele zu gewähren und über das erste Mal in der Psychiatrie zu sprechen.

Zwei Minuten später reden wir über Psychopharmaka, Therapieformen, Manien, Depressionen, Suizidversuche, Alkoholismus, schlechte Ärzte, kaputte Familien, hilfreiche Pfleger, Suchtmentalitäten – was es eben so zu besprechen gibt, wenn es um die brüchige Psyche geht. Zwei Stunden später legen wir wieder auf.

Regel Nummer 2

„Frag nicht ständig deine Mitpatienten, warum sie hier sind.“

Vermutlich haben wir uns gegenseitig in diesen 120 Minuten mehr Einblick in unsere privaten Angelegenheiten gewährt, als so manches Paar an der goldenen Hochzeit voneinander weiss. Das Gespräch über die ausgefransten Ränder der Seele fördert im Allgemeinen die Offenheit der am Diskurs beteiligten Parteien. Wenn einer seine Narben und Bruchstellen zeigt, hören die meisten ebenfalls auf, sich zu verstecken.

Unser Telefonat ähnelt dem alter Freunde nach langer Zeit der Funkstille. Als hätten wir etwas aufzuholen. Wir lachen viel und herzlich und mitunter an herrlich unpassenden Stellen. Der angsteinflössende Themenbereich „Psychische Krankheit“ wird in solchen Gesprächen plötzlich zu dem, was er so gut wie nie sein darf: normal. Ausserdem fühlt man sich als Betroffener offensichtlich zum schwarzen Humor berechtigt.

Regel Nummer 3

„Du darfst lachen in der Klapse.“

Als S. von seinem ersten Mal erzählt, beginnt die Geschichte in seinen späten Teenagerjahren. Als er herausfand, dass in seinem Kopf etwas nicht stimmte. S. suchte einen Arzt auf, die erste Diagnose lautet „unipolare Depression“. Also die ohne manische Phasen.

Dementsprechend wird S. behandelt und erhält Medikamente, die den morbiden Nebel aus seinem Hirn vertreiben sollen. Wellbutrin ist damals das Mittel der Wahl, mit dem S. sich den siechen Teil seines Glücks von der Depression zurückholen soll. Ein folgenschwerer medizinischer Fehler.

Etwa einer aus drei Menschen, die von einer bipolaren Störung betroffen sind, werden zunächst fälschlicherweise als unipolar depressiv diagnostiziert, erzählt S. So wie er selbst. Der manische Anteil seiner Störung wird mit vier Jahren Verzögerung diagnostiziert. Eine neue Ärztin, die nach wenigen Minuten im Gespräch zu ihm sagt: „Herr S., Sie sind nicht depressiv, Sie sind bipolar.“

„Zu dem Zeitpunkt habe ich mir das Wellbutrin schon durch die Nase gezogen“, erzählt S. „Ich hatte mir extra einen Mörser gekauft, um das Zeug zu Pulver zu machen. Und dann rein ins Gehirn, als wäre ich auf Party“.

Regel Nummer 4

„Vergiss Höflichkeitsregeln. Du musst niemanden grüssen, du darfst sagen: geh weg. In der Klapse kann man gut seine Ehrlichkeit trainieren.“

S. Depression war – möglicherweise auch aufgrund der falschen Behandlung – in ihr extremstes Gegenteil umgeschlagen: ein manisches Hoch. Die Medikamente beflügelten einen nicht enden wollenden Trip auf körpereigenen und verschreibungspflichtigen Wirkstoffen. So sehr das für manch einen nach unendlichem Spass klingen mag, es muss die Hölle sein. Die Hölle im eigenen Kopf.

Wellbutrin ist, wenn man so will, ein Upper. Eine Droge, die Menschen aufputscht, ihnen künstliche Energie und gute Laune verschaffen soll. Gut für manchen Depressiven. Ganz schlecht, wenn man bipolar ist, also auch manische Phasen hat. Dann verbinden sich der durch die psychische Störung bedingte Energieschub des Patienten nämlich mit der Wirkung des Medikaments. Und das Ergebnis ist ein synaptisches Feuerwerk der Sonderklasse.

Regel Nummer 5

„Wenn Du etwas brauchst, wende dich eher erst ans Pflegepersonal als an die Ärzte.“

Eines Abends, S. ist Anfang 20 und in einer (undiagnostizierten) manischen Phase, kokst er mit einem Typen auf dem Klo einer Disco. Jegliche Vernunft hat da längst bei ihm ausgesetzt, es geht nur noch darum, sich selber möglichst wenig mitzukriegen. Die Manie allein macht S. selbstzerstörerisch, zusammen mit den Psychopharmaka gelingt es ihm erst recht nicht mehr, auf sich aufzupassen, geschweige denn sinnvoll mit seiner ramponierten Psyche umzugehen.

Für jemanden, der sich nicht vorstellen kann, was eine ausgewachsene psychische Krankheit anrichten kann mit der Persönlichkeit, mag das schwer nachvollziehbar sein. Wer etwas Ähnliches wie S. hinter sich hat, weiss, wie es ist, sich an Zeiten zu erinnern, in denen man Dinge tat, die einem rückblickend selber wie das Werk eines Wahnsinnigen vorkommen.

Regel Nummer 6

„Bevor du dich einlieferst, speichere die Nummer von PSYCHEX in deinem Telefon. Die holen dich binnen Stunden aus der Geschlossenen, wenn Du dort aus irgendwelchen Gründen gelandet bist“.

S. und der Typ in der Disco haben ungeschützten Sex, gehen wieder tanzen, Alkohol fliesst, Drogen werden nachgeladen. 30 Stunden am Stück schläft S. nicht. Dann brennt bei ihm eine Sicherung durch. „Ich bekam plötzlich massive Panikattacken, bin aus der Disco raus und durch die Strassen geirrt. Ein guter Freund hielt irgendwann mit dem Auto neben mir, grüsste mich – ich habe ihn nicht erkannt“.

Stunden später findet S. sich auf dem Sofa von Freunden wieder. Heulend. Er ist ein Wrack, weiss weder, wie er hergekommen ist, noch warum oder von wo genau. Seine Freunde haben da bereits in der Notaufnahme angerufen. Eine Ambulanz wird geschickt, die S. in die örtliche Psychiatrie bringt.

„Ich war total enttäuscht, dass die mich nicht mit Blaulicht transportieren. Die ganze Fahrt über habe ich die Sanitäter gefragt, ob sie es nicht anmachen könnten“. S. kommt ohne Blaulicht, dafür mit genervten Sanitätern, in der Psychiatrischen Klinik an. Die Aufnahme ist unkompliziert. „Nachts eingeliefert zu werden hat den Vorteil, dass einem weniger Fragen gestellt werden“, erzählt er.

Regel Nummer 7

„Gib Deine Telefonnummer nur sehr, sehr vorsichtig an andere Patienten heraus. Freundschaften, die in der Psychiatrie entstehen, halten draussen oft nicht lange.“

Eine Schwester bringt S. in ein Mehrbettzimmer. Weil er noch immer voll auf Drogen ist und ohnehin nicht schlafen kann, geht S. in den Raucherbereich der Klinik und zündet sich eine Zigarette an. Raucht. Zündet sich noch eine an. Steht da im Dunkeln, schaut sich um dort, wo er gelandet ist. Dann kommt der Nachtwächter vorbei. C. ist ein Schrank von einem Mann. Eigentlich ist er Siebdrucker, früher hatte er mal Pfleger gelernt, heute bessert er seinen Künstlerlohn mit Nachtschichten auf.

S. weiss das alles schon, als sich die beiden in der Raucherecke der Psychiatrie begegnen. C. und er hatten mal etwas miteinander. Draussen, vor S. Absturz. „Da stand ich also, gerade frisch eingeliefert, und plaudere mit dem Nachtwächter, der eine Ex-Affäre von mir ist“. Ein schräger Zufall, der S. die Ankunft rückblickend erleichtert hat, wie er erzählt. Jemand aus seinem „alten“ Leben, den er in seinem „neuen“ Leben wieder trifft. Eine Brücke zwischen dem Vorher und dem Nachher.

In eine Psychiatrie eingeliefert zu werden ist eine Zäsur. Es ist das Ende eines oft jahrelangen Selbstbetrugs, einer Flucht vor sich selber, vor den Dämonen der psychischen Erkrankung. Das Ende des Versuchs, sich das, was man hat, als schlechte Laune schönzureden. Als etwas, das man einfach nur in den Griff kriegen muss. „Reiss dich zusammen“. „Stell dich nicht so an“.

Regel Nummer 8

„Reiss’ dich nicht künstlich zusammen, wenn es dir schwer fällt. Du bist in der Psychiatrie. Hier darfst du irre sein. Deswegen bist du hier.“

Viele affektiv gestörte Menschen können ein Lied davon singen, wie man sich, bevor einem endlich von offizieller Seite eine Krankheit diagnostiziert wird, auf der Suche nach Erklärungen und Lösungen selbst zerfleischt. Nicht selten endet diese „Selbstbehandlung“ in der Katastrophe.

S. hat Glück gehabt. Glück im Unglück, vor seinem eigenen Gehirn nicht sicher sein zu können. Sein Verstand macht Jagd auf ihn, sabotiert ihn, wo es nur geht. Untherapiert sorgt die Krankheit dafür, dass Betroffene sich selbst nicht trauen können. Und schon gar nicht: sich lieben. Sie empfinden sich als unzumutbar – wie soll einen jemand aushalten, wenn man sich selbst nicht ertragen kann? Sie kapseln sich ab, spielen anderen (und sich selbst) oft etwas vor – und gehen sich dabei noch weiter verloren. Etwa einer von fünf Menschen mit einer bipolaren Affektstörung bringt sich um.

Jahren der Selbstmedikation mit Alkohol und Drogen, anfänglichen Fehldiagnosen, kontraproduktiven Medikamenten, unsensiblen Therapeuten und zwei Suizidversuchen zum Trotz: S. ist der Geiselhaft seiner Krankheit teilweise entkommen. Nicht, indem er vor ihr weggelaufen ist, sondern indem er sich ihr täglich stellt.

Regel Nummer 9

„Sprich nie, wirklich nie über Suizid, wenn du in der Psychiatrie bist. Tust du es doch, landest du auf der Geschlossenen. In diesem Fall erinnere dich an Regel 6.“

S. hat sich und seine Krankheit in den letzten Jahren besser kennengelernt. Auch aufgrund von Therapien und Aufenthalten in Psychiatrien. Geheilt ist er nicht und wird es wohl auch niemals sein. Schwere affektive Störungen begleiten einen meist ein Leben lang. Man kann sie nicht kurieren, man kann nur lernen, mit ihnen umzugehen.

Täglich ein künstliches Schilddrüsenhormon (S. hat eine Unterfunktion, die Depressionen auslösen und verstärken kann – auch das wurde erst viel zu spät diagnostiziert), ein paar Gramm Lithium und ein trizyklisches Antidepressivum, das keine Manien auslösen soll, halten heute S. Psyche in einem für ihn erträglichen Gleichgewicht. Zumindest an den meisten Tagen. An den anderen Tagen pendelt er zwischen Bett und Balkon hin und her, zwischen Schlaf und Zigaretten.

Regel Nummer 10

„Habe den Mut, intelligent zu sein und selbst zu denken. Bloss weil du psychisch krank bist, bist du nicht zwingend dumm und unmündig.“

Erst seit einigen Monaten ist er so eingestellt, dass er das Gefühl hat, es könnte doch wieder was werden mit seiner Schreiberei. Eigentlich ist S. nämlich Autor. Die Schriftstellerei jedoch musste er aufgrund der Schwere seiner Krankheit vor Jahren an den Nagel hängen.

Gerade startet er nach langer Pause einen literarischen Testballon. Mit einem Stipendium ist er zwei Monate nach Übersee gegangen, um auszuprobieren, ob seine Psyche dem Aufenthalt in einer Weltstadt sowie der schriftstellerischen Auseinandersetzung mit sich selbst gewachsen ist.

Im besten Fall wird man dazu bald etwas von ihm selbst Geschriebenes lesen dürfen.

 

(Die zehn Regeln, die diesen Text durchziehen, wurden von S. in unserem zweistündigen Gespräch aufgestellt. Sie landen in Form allgemeiner Regeln in diesem Text, obwohl sie selbstredend subjektiver Natur sind und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit stellen. Aufgrund eben dieses subjektiven Charakters wurde auch darauf verzichtet, politisch unkorrekte Formulierungen „zu glätten“.)

  1. Gut gemeint, aber eine psychische Krankheit ist kein amerikanischer Roman, und sollte deshalb vielleicht auch nicht in diesem Stil beschrieben werden!

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    1. Da möchte ich einfach gern einmal fragen: warum? Und was bedeutet hier „amerikanischer“ Roman?

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  2. Richtig gut. Nicht nur der Schreibstil, sondern insbesondere die Herangehensweise an das Thema.

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    1. Danke für die Blumen! Der nächste Artikel erscheint am 17.3.17, hoffentlich bleibt das Urteil so gut 😉

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