Giorgio und der Stolz der Strasse.

Heute geht es um ein Theaterstück, das in der Wirklichkeit spielt. Um Giorgio, den man womöglich anders schreibt, der vielleicht anders heisst, der schwarze Fingernägel hat und einen Zottelbart und abgerissene Klamotten. Der mit seinem von Klebeband zusammengehaltenen Akkordeon am Barfüsserplatz sass und sang. Er war mir in den letzten Tagen schon ein paar Mal aufgefallen. Der ist neu hier, dachte ich. So einen erkennt man wieder.

Heute habe ich ihm 2,30 in die Wellblechdose geworfen. Er hat sich aufrichtig bei mir bedankt und mir mit seinen gelbgrünen Augen hinterhergeschaut. Giorgio wohnt im Freien. Er hat kein Geld für Zimmer, und wenn, dann kriegt er oft die Zimmer nicht, weil er nicht so aussieht, wie man es gerne hätte als Hotel-, Hostel- oder Pensionsbesitzerin.

Ich ging ein paar Meter weiter und dachte mir: der Mann muss saumässig frieren. Er sitzt den ganzen Tag im Freien, spielt Musik. Also, dachte ich, kaufe ich ihm was Warmes. Tee gab es nicht auf dem Weihnachtsmarkt. Glühwein wollte ich nicht einfach kaufen, wer weiss, ob der überhaupt Schnaps trinkt. Neben ihm stand ein Tetrapak mit Milch auf dem Boden.

Ich habe ihm eine Bratwurst gekauft. Er hat mich gefragt, ob ich ihm die so gebe oder für die Musik. Ich sagte „einfach so“, woraufhin er meinte, dann könne er sie leider nicht annehmen.

Also meinte ich: okay, ich komm‘ nochmal rein.

Habe ein paar Schritte weg von ihm gemacht, mich umgedreht und noch einmal neu angefangen: „Ich habe Sie ein paar mal gesehen mittlerweile und Ihre Musik gehört. Ich dachte, vielleicht möchten Sie etwas essen. Hier, eine Bratwurst“.

Da musste er lachen und hat die Bratwurst genommen. Ob ich denn selber keinen hunger hätte, wollte er wissen. Doch, sagte ich, ich hole mir dann auch irgendwo was. Was Besseres?, wollte er wissen? Weiss nicht, sagte ich. Ich habe einfach keine Lust auf Wurst heute.

Dann haben wir geredet und die Wurst wurde in seiner Hand vermutlich kalt, so lange sprachen wir. Er erzählte mir, wie eine Mitarbeiterin der Stadtbibliothek ihn eklig gefunden und vor die Tür gesetzt hätte. Wie traurig ihn das macht, weil er doch nur auf die Toilette wollte. Er habe wohl versehentlich ein Klo erwischt, das eher für die Kids gedacht ist, meinte er. Sie fand ihn gruselig, vermutet er. Widerlich. Und so landete er vor der Tür.

Er sagte ein paar nette Sachen über mich, ich sagte ein paar nette Sachen zu ihm, irgendwann nach einer Viertelstunde, dreizehn Handshakes und vier „bis bald mal“ ging ich wieder. Und dachte mir: wie helfe ich so einem?

Kleider machen Leute, sagt man ja. Und obwohl ich schon vermutete, dass das nichts werden würde, ging ich in einen Kleiderladen um die Ecke und kaufte ihm einen schwarzen Mantel. Weil ich dachte: wenn er den anzieht und so verkleidet zurückkehrt in die Stadtbibliothek, vielleicht behandeln sie ihn besser und lassen ihn in Ruhe.

Natürlich hat er den Mantel nicht angenommen. Schon die Bratwurst war eine schwierige Geschichte. Er habe nichts dafür getan, erklärte er mir, und man nähme nichts an, wofür man nichts getan habe, fand er. Sonst müsse man sich nicht wundern, dass es so viele Bettler gäbe.

Naja, meinte ich, Bettler gäbe es ja nun nicht nur, weil einige Leute bereit seien, etwas von ihrem Geld zu verschenken. Aber das wollte er nicht hören. Er habe da sein System, nach dem er lebe. Ich solle den Mantel bitte zurückgeben, mein Geld behalten und es für etwas Schönes ausgeben, das ich meiner Liebe schenken mag.

Gebrauchte Socken, die würde er mit eventuell abnehmen. Sonst aber nichts. Ich könnte ihm auch eine kleine Bühne im Theater besorgen, meinte er, auf der er singen würde. Wobei er sich nicht für gut genug hielt, auf einer Bühne zu singen.

Studierter Techniker sei er aus der Tschechoslowakei. Er sagte das so: Tschechoslowakei. Vor langer Zeit habe er seine Liebe verloren. Ob das der Grund für seinen sozialen Absturz war, sagte er nicht. Aber seine traurigen Augen verrieten es wohl.

Eine halbe Stunde standen wir da, während mir in meinen fancy Kleidern immer kälter wurde. Er nannte mich seinen Bruder und dankte mir dafür, dass ich ihm so viel Gutes gegeben habe. Meinen Mantel solle ich nun aber bitte wieder zurückbringen. Und etwas anderes machen, als über die Welt zu schreiben. Es lohne sich doch nicht, kritisch über irgendwelche Idioten zu berichten und sich dafür erschiessen zu lassen.

Zu wenig Bäume stünden in dieser Stadt, verriet mir Giorgio am Ende. Und dass es auf der Strasse keinen Sinn habe, einen neuen Mantel zu tragen. Nach ein paar Tagen sei der eh dreckig, kaputt oder gestohlen. Ausserdem sei er eh bald tot.

Mit 54 sagt er das und reibt sich seine traurigen Augen. Um ihn herum trinken die Leute Glühwein und tunken ihre Wurst in Senf. Ein paar lachen ihn aus wegen seiner abgerissenen Kleidung. Dann kommt ein kleines Mädchen, blond, hübsch angezogen, und legt ihm 2 Franken in die Wellblechdose.

Sofort unterbricht Giorgio unser Gespräch und gibt dem Mädchen ihre zwei Franken wieder. Nicht ohne ihr ausführlich zu erklären, wie nett es von ihr sei, helfen zu wollen, aber dass er nun einmal nichts geschenkt haben wollen würde. Sie solle die zwei Franken ihrer Mutter ruhig zurückgeben.

Ich bin alleine hier, klärte ihn das sieben, vielleicht acht Jahre alte Mädchen auf. Auch Giorgio täuscht sich manchmal in den Menschen.

Weihnachten kommt, draussen ist es saukalt. Spendiert ab und zu jemandem einen Tee, eine Bratwurst oder wenigstens ein Lächeln. Kostet nicht viel, ausser ein bisschen Kleingeld und einen kleinen Hauch Überwindung.

 

Foto: www.tomascastelazo.com

  1. Das ist ein sehr berührendes Photo und eine zu Herzen gehende Geschichte —eine wunderbare Weihnachtsgeschichte, die zeigt ,wie wenig es braucht, um mit einem Menschen ins Gespräch zu kommen,ihm ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken und ihn nicht sofort auf Grund seines Äußeren als schmuddeligen Kerl wegzustossen !
    Wir brauchen mehr von so einfühlsamen Personen wie den Autor dieses Artikels, der diese entmenschte,desinteressierte kalte Gesellschaft ein bißchen wärmer gemacht hat.

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    1. Liebe Maria H.,

      Herzlichen Dank für Ihre wohlwollende Kritik an diesem Beitrag. Der Autor hatte wohl eine gute Kinderstube 🙂

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