Betrüger und Betrogene.

Es ist schwierig, über eine Produktion zu schreiben, wenn man die Leute auf der Bühne mag, kennt oder beides. Bei Jeremy Nedd habe ich das Gefühl, ihn zu kennen. Auf jeden Fall mag ich ihn. Obwohl ich im Grunde von ihm kaum etwas weiss. Ausser, dass er sehr höfliche und sympathische Emails schreiben kann, in denen er bescheiden, umsichtig und eher selbstkritisch klingt.

Attribute, die zu seiner Produktion, die gestern am Theater ROXY Premiere hatte, passen: „how to save a phoney from becoming a fraud“ heisst Nedds erste abendfüllende Choreografie, in der er selber mittanzt. Die zweite im Bunde ist Emma Chadwick. Auch sie steckt von Kopf bis Fuss in silbernen Klamotten. Rechts hinten sitzt, im schlechter ausgeleuchteten Bereich der Bühne, ein bärtiger Mann im weissen Anzug unter einer künstlichen Palme: Fabrizio di Salvo. Er macht die Musik.

„Phoney“ ist der britische Begriff für einen Schwindler. „Fraud“ heisst Betrüger. Es geht also laut Titel des Stückes darum, einen Schwindler davor zu bewahren, zum Betrüger zu werden. Klingt irgendwie charming. Schwindler darf man mögen, impliziert das, Betrüger hingegen eher nicht. Im Programmheft liest man etwas zum sogenannten „Impostor-Syndrome“, einem Phänomen aus der Psychologie.

Betroffene fühlen sich als Hochstapler und warten stets darauf, als solche enttarnt zu werden. Typisch für die Betroffenen seien folgende Merkmale: eine überdimensionierte Vorstellung von Kompetenz, eine komplexe Meinung zu Erfolg und eine grosse Furcht vor negativer Kritik. Erfolge können Menschen, die unter dem Impostor-Syndrom leiden, nicht geniessen. Wenn etwas gelingt, vermuten sie nicht ihre eigenen Fähigkeiten hinter dem Erfolg, sondern Charme, Beziehungen und Glück.

Ein silberner Laufsteg bildet den Mittelpunkt der Bühne. Ein spiegelnder Teppich, auf dem die beiden silber gewandeten Tanzprofis mit perfektem Lächeln ihre Performance beginnen. Im Two-Step erobern sie die Bühne zum Sound von Sister Sledge: „He’s the greatest dancer“. Was in den ersten Minuten naiv und unterhaltsam wirkt, kippt bald ins Schräge, irgendwann ins Groteske.

Der Song wiederholt sich. Die Moves wiederholen sich. Das Lächeln im Gesicht der beiden Performer verliert den Rest seiner artifiziellen Glaubwürdigkeit. Immer noch Sister Sledge. Immer noch Two-Step. Der Bewegungsradius der beiden wird grösser. Immer noch nichts von dem, was man von Ballettprofis vielleicht erwarten möchte: Paartanz, Hebefiguren, elegante Hüpfer und ein bisschen getanztes Beziehungsmärchen.

Nichts davon. Der Song verkürzt sich, nur noch ein Loop ertönt, ich denke an Grandmaster Flashs Übungen am Plattenteller: ewig dieselbe Stelle des ewig selben Songs. Die Choreografie der beiden Tänzer wird zerhackter. Immer noch Lächeln. Immer noch permanenter Blickkontakt mit dem Publikum. Das weiss nicht, ob es lachen, die Stirn runzeln oder sich gedulden soll, bis die eigentliche Choreografie losgeht.

Dann wird aus dem Loop des Songs ein Beat. Ich hoffe, dass der Abend nicht endlos so weiter geht, und gleichzeitig amüsiert mich der Gedanke, dass es genau so kommt: dass die zwei gutaussehenden, preisgekrönten Ballerinas da vorne sich weiterhin verweigern. Nicht zeigen, was man von ihnen erwartet. Nicht tun, was sie tun könnten. Nicht zeigen, wovon die Kunden wissen, dass es „Können“ ist.

Die Choreografie ist monströs aufwändig. Fast eine Stunde lang durchsynchronisierte Bewegungsabläufe, die zwischendurch so dilettantisch wirken, als wären sie spontan auf dem Dancefloor einer Dorfdisco entstanden. Sind sie nicht. Das hier ist harte Arbeit, die sich nicht selber auf die Schulter klopft.

Getanzte Zusammenbrüche auf der Bühne, Zuckungen, Stürze, weiterlächeln nicht vergessen, dann, nach einer gefühlten Ewigkeit „He’s the greatest dancer“: Stille. Die beiden stehen, die Musik ist aus, nur der rasende Atem von Emma Chadwick und Jeremy Nedd ist zu hören. Der Mann unter der Palme kratzt sich am Kinn und sitzt einfach weiter da. Ich muss an Becketts „Warten auf Godot“ denken. Und ich frage mich, welche Schwindelei hier gerade thematisiert wird: die der Choreografien klassischen Balletts? Die seiner Tänzerinnen und Tänzer? Oder meine eigene, zusammengelogene Erwartungshaltung an einen Abend, an dem Balletttänzer auf der Bühne stehen? Wer betrügt hier gerade wen um was?

Kultur kann vieles sein. Ein Musical im Hamburger Hafen ist Kultur, die einem gibt, was man erwartet. Die einen unterhält, indem sie befriedigt und sich an die Regeln hält. Anstrengender ist Kultur, die sich selbst infrage stellt. Oder eben: mich, den Besucher, den Betrachter, den Konsumenten. Ich fühle mich von solchen Abenden angemacht. Provoziert. Oft machen sie mir schlechte Laune, weil die Absicht, zu irritieren, über allem anderen steht.

Bei „how to save a phone from becoming a fraud“ ist das anders. Vielleicht liegt es daran, dass ich Jeremy mag. Vielleicht liegt es daran, dass ich weiss, dass sowohl er als auch Emma Chadwick jahrelang im Ballett-Ensemble des Theaters Basel getanzt haben. Vielleicht will ich sehen, dass sich da jemand mit seiner Verzweiflung im Angesicht der künstlerischen Freiheit auf die Bühne stürzt. Womöglich sehe ich die Choreografie des unterforderten Intellekts, den Tanz mit pervertierten Sehgewohnheiten, die Bewegung gewordene Verweigerung nur, weil ich sie sehen will.

In den Momenten der Stille hört man zwar Leute im Publikum husten. Aber es ist nicht das Husten der gelangweilten Abonnenten in der 37. Inszenierung von „Die Räuber“. Es ist echter Reizhusten. Die meisten der rund 100 Gäste im Publikum starren konzentriert und gebannt auf die Bühne. Gefesselt von der Präsenz des Nichtpräsenten.

Es gehört Mut dazu, so wenig Können zu zeigen, von dem die Leute wissen, dass es Applaus verdient. Im klassischen Ballett gibt es Regeln, anhand derer sich die Kunst messen lässt. Es gibt ästhetische Referenzen, die immer wieder aufgegriffen werden, um zu zeigen, dass man „es“ kann. An diesem Abend fehlen diese Referenzen. Wenn ich richtig hingeschaut habe, berühren sich Emma Chadwick und Jeremy Nedd kein einziges Mal. Nichts wird eingelöst. Lächelnde Einsamkeit, zuckendes Verlorensein, rasender Stillstand.

„how to save a phoney from becoming a fraud“ ist ein einziges, langgezogenes tänzerisches Grinsen, das am Ende in sein Gegenteil mündet. Ein Abend, der sich selbst ausstellt als eine Fälschung dessen, was er ob überdimensionierter Vorstellungen von Kompetenz, komplexer Meinungen zu Erfolg und der übergrossen Furcht vor negativer Kritik eigentlich hätte werden sollen.

Das jedenfalls ist es, was ich gesehen habe. Bis Montag, 12.12. gibt es die Chance, sich selbst ein Bild zu machen. Man verpasse sie besser nicht.

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