Lösungen interessieren mich nicht.

Herr Krebs, welche Fragen hören Sie am häufigsten im Zusammenhang mit dem Preis?

Neulich wollte einer wissen, was er mir bedeutet. Ich sagte: naja, macht schon fröhlich, ist aber auch komisch. Die Auszeichnung kommt ja auch für den Verlag und für den Buchladen, und das sind beides Sachen, die ich nicht allein gemacht habe. Am Ende kriege ich da einen Preis für – das ist schon auch irgendwie schräg.

Wer hätte den Preis noch verdient?

Beim Verlag sind wir zwei Leute, Anaϊs Meier und ich. Beim Laden sind wir vier, Franca Schaad, Camilla Wüthrich, Anna Weber und ich.

Sie kriegen den Preis ja aber auch für Ihr künstlerisches Schaffen.

Ja, und das ist natürlich schön. Obwohl dieser Teil meiner Arbeit in der letzten Zeit etwas in den Hintergrund gerückt ist.

Wieviel Prozent macht denn welcher Ihrer Nebenjobs aus?

Bei einigen weiss ich es genau. Lehrer am K‘Werk bin ich beispielsweise zu acht Prozent. Da mache ich neu die Trickfilmklasse mit zehn- bis dreizehnjährigen. Einen Tag pro Woche arbeite ich in der Fassbar. Und Fahrradkurier bin ich noch.

Dazu sind Sie Künstler, haben einen Buchladen und den Verlag – klingt, als wären Sie gut beschäftigt.

Das alles ist organisatorisch manchmal schwierig unter einen Hut zu bringen, ja. Andererseits ist es eine tolle Mischung: Literatur, Bewegung, viel mit Menschen zu tun haben und dabei nicht nur über Kunst zu reden, sondern auch über Fussball und Bier. Die Kleinen an der Schule sind auch super. Sehr offen, die gehen ganz anders an das Thema Kunst ran. Weniger konzeptionell, denen ist eher wichtig, das irgendwann was explodiert.

Die Einladung zur Preisverleihung am 7. April ziert ein Comic von Ihnen, auf dem eine Kaffeekanne stellvertretend für ihren Besitzer dessen abgelehnten Antrag auf eine Kulturförderung kommentiert. Sind Ihnen Preise egal?

Überhaupt nicht. Der Comic ist entstanden, lange bevor ich erfahren habe, dass ich diesen Preis kriegen werde. Das ist ja übrigens etwas Tolles an dieser Auszeichnung: man erfährt erst, dass man nominiert war, wenn man gewonnen hat. Was mir noch gefällt am Kulturförderpreis: man kriegt ihn nicht nur für die Kunst, die man produziert, sondern irgendwie auch, weil andere Menschen ganz real etwas davon haben, was man tut.

Wird Ihnen bei all den Baustellen nicht manchmal schwindelig?

Es ist schon viel. Bücher herstellen, der Buchladen, der Verlag, dann Zeichnen, Fotografieren und so weiter. Manchmal denke ich, es wäre besser, ich würde mich spezialisieren. Aber jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen alles andere. Und darin bin ich nicht gut.

Mögen Sie verraten, auf was Sie Ihren Fokus in den nächsten Monaten gerne legen würden?

Ich fänd’s super, überhaupt mal wieder einen Fokus auf etwas zu legen. Fotografie und Zeichnung ist das, was mir am meisten fehlt. Ich überlege, für eine Weile in eine andere Stadt zu gehen. Ich glaube, es wäre gut, mal rauszukommen.

Wie sind Sie zu all dem, was Sie künstlerisch machen, gekommen?

Vieles in meinem Werdegang ist eher passiert, ohne Masterplan. Für eine Abschlussarbeit an der Hochschule habe ich mir einen sogenannten Riso-Drucker angeschafft, auf dem wir später all unsere Publikationen vervielfältigt haben. Ich wusste damals noch gar nicht, was der ermöglicht. Dann habe ich gemerkt, dass man mit ihm schnell, schön und recht günstig drucken kann. Wir habe nie gesagt: so wir gründen jetzt einen Verlag. Wir haben ein Buch gemacht, und weil das gut wurde, noch eines. Irgendwann heben wir gemerkt, dass wir jetzt wohl ein Verlag sind. So ist alles Schritt für Schritt gewachsen.

Hat Ihr Studium Ihnen als Künstler geholfen?

Da muss man trennen zwischen Bachelor und Master. Den Bachelor habe ich in Aarau gemacht, Medienkunst hat das geheissen. Das war eine ziemlich schulische Angelegenheit, es ging da viel um Knowhow. Programmieren, Roboter bauen, Zeug zusammenlöten, Tonstudio, Fotografie, Video. Danach ist man kein Spezialist in nichts, aber es hat mir im Umgang mit Medien enorm viel gebracht. Der Master in Basel war dann eher theoretisch. Ich bin kein Theoretiker. Dafür habe ich mich durch den Master schnell in Basel eingelebt.

Als was würden Sie sich bezeichnen, wenn jemand fragt?

Da gibt es eine lustige Anekdote im Zusammenhang mit dem Preis. In der Medienmitteilung stand „der Medienkünstler Simon Krebs“. Ich habe angerufen und gesagt: „Ich verstehe mich eigentlich nicht als Medienkünstler“. Das klingt für mich immer ein bisschen so nach jemanden, der einen Magneten auf einen Fernseher stellt und das dann Kunst nennt. Ich finde, Künstler sollten das Medium, mit dem sie arbeiten, immer mit thematisieren.

Auf welche Bezeichnung haben Sie sich schlussendlich geeinigt?

(lacht) Kulturproduzent und Künstler steht da jetzt.

Trifft das in Ihren Augen zu? Was sagen sie, wenn sie gefragt werden?

Bei Leuten, von denen ich weiss, dass sie auch was mit Kultur
machen, sage ich Künstler. Wenn die Frage vom potentiellen Schwiegervater kommt, der in der Versicherung arbeitet, dann nenne ich den Lehrer zuerst. Das solide Zeug eben. Die Frage nach meinem Beruf ist mittlerweile ein Running Gag geworden. Meine Freundin schaut mich immer ganz erwartungsvoll an, wenn ich gefragt werde, und freut sich drauf, was wohl diesmal zuerst kommt. Aber es ist schon auch anstrengend.

Eine Ihrer Publikationen trägt den Titel „Gute Kunst, schlechte Kunst, kein Kunst“. Nervt schlechte Kunst Sie?

Wenn einer sagt: was ich mache, ist Kunst, dann soll das meinetwegen Kunst sein. Es gibt dann nur leider sehr viel schlechte Kunst. Im Kunstbetrieb ist es wie überall: es gibt bestehende Strukturen, die kann man nutzen und die Spielchen mitspielen. Das funktioniert. Ich finde es lustiger, wenn man auch da den Rahmen sprengt und als Künstler beispielsweise sagt: wir machen einen Buchladen und nicht noch einen Off-Space. In Basel ist die Szene schon ziemlich brav.

Warum, meinen Sie, ist das so?

Ich glaube, das liegt auch am Fördersystem. Man kriegt hier relativ schnell Geld, ist dann aber auch schnell in der Richtung unterwegs, nur noch zu machen, was gefördert wird.

Es ist Segen und Fluch zugleich, meinen Sie.

Klar. Für uns ist es natürlich auch ein Segen, gefördert zu werden. Und der Weg Kunststudium, Künstler werden, Künstler sein – hier in Basel funktioniert das recht einfach. Das finde ich allerdings nicht so interessant. Spannender finde ich, einen Buchladen zu machen oder einen Verlag und zu schauen, was da passiert.

Wie sind Sie darauf gekommen einen Buchladen zu eröffnen?

Franca und ich kommen beide aus anderen Städten. Wir fanden es immer schade, dass es in Kleinbasel keinen Buchladen gibt. Als sich dann die Gelegenheit mit dem Raum ergab, haben wir einfach gesagt: Lass uns das tun. Das war schon verrückt. Dass dann Anna und Camilla dazu kamen und an das Projekt glaubten, dass wir überhaupt so viel Unterstützung erhielten, war einfach grosses Glück.

Für wen machen Sie Kunst?

Für meine Mutter (lacht). Nein. Also. Naja. Keiner wartet auf meine Kunst, natürlich. Einerseits mache ich das für mich, für mein Ego. Wenn das, was ich mache, gut ankommt, freut mich das. Und andererseits sind es eigentlich einige wenige Leute, wenn die finden, das ist interessant, was ich mache, dann ist das schon genug. Wieso mache ich Kunst? Wer hat nochmal gesagt: „Weil ich das am wenigsten schlecht kann“?

War es irgendwann eine bewusste Entscheidung, Künstler zu sein?

Während des Medienkunststudiums habe ich nie gedacht: ich werde mal Künstler. Das kam eigentlich relativ spät.

Wann?

Mit dem Masterstudium in Basel.

Was war denn vorher Ihr Berufsziel?

Ich wollte mal Industriedesigner werden. Aber als ich dann gesehen habe, was die machen, war ich ganz froh, es nicht zu tun. Auf mich wirkte das so, als suchten die sich Probleme, die es eigentlich nicht gibt, um dafür Lösungen zu entwerfen. Eine noch ergonomischere Zahnbürste. Die sind doch gut, die Zahnbürsten, die wir haben. Lösungen finde ich nicht so interessant.

Sie kreieren lieber Probleme, wollen Sie sagen?

Ich kreiere keine, es gibt genug davon. Aber ich schaue gerne, wo welche sind und welche davon interessant sind.

Ihr Fokus liegt also stärker auf Auseinandersetzung als auf Lösung.

Genau. Auch deshalb der Buchladen. Als Ort für Auseinandersetzung.

Ist es Ihnen wichtig, aufzumischen? Spielt das eine Rolle in Ihrem Schaffen?

Aufmischen… Dafür bin ich zu brav, oder?

Das wissen Sie besser.

Die Idee, in der heutigen Zeit einen Buchladen zu eröffnen, ist gleichzeitig schräg und konventionell. Die Resonanz darauf war wohl grösser, als sie auf einen Kunstraum gewesen wäre. Was ich schön finde am Laden, ist die Mischung aus Leuten, die kommen. Da sind einerseits die Künstlerfreunde, Literaturmenschen, aber auch Hipstertouristen und Leute aus dem Quartier. Darauf bin ich schon stolz. Auf ältere Menschen, die zu uns kommen und sagen: schön, dass es hier endlich wieder einen Buchladen gibt. Die stehen dann bei uns und gucken sich komische Kunstbücher an. Das sind die schönsten Begegnungen.

Wie läuft der Laden eigentlich?

Der läuft ganz gut, er trägt sich selber, wir verdienen dabei aber alle nichts.

Ihr Verlag heisst Büro für Problem – wie ist der Name entstanden?

Mist. Wir haben schon zusammengesessen und darüber gesprochen, dass wir uns eine Geschichte dazu überlegen müssen. Es gibt keine. Zur „Ligne Éclaire“, unserer Literaturreihe, gibt es eine Geschichte.

Bitte!

Als wir das begannen, gab es im Cartoonmuseum grad die Ausstellung „Ligne Claire“. Ich habe zu Anaïs gesagt: komm, wir machen das Gegenteil. Und sie meinte: „Ja, also was, Ligne Éclaire?“.

Angenommen, man möchte ein Buch veröffentlichen in einer kleinen Auflage – kann man zu Ihnen kommen und das machen?

Für solche Anfragen haben wir den Büro für Problem Copyshop gegründet. Da kann man Flyer, Plakate und Bücher drucken. Uns ist es oft nicht möglich, selber Aufträge auszuführen. Aber wir können helfen und zeigen, wie es geht.

Was kostet es, ein Buch bei Ihnen zu machen?

Wenn man das Format der Ligne Éclaire nimmt, Auflage 100 Stück mit 60 Seiten, dann landet man irgendwo um 5 Franken pro Exemplar. Kommt darauf an, wieviel Arbeit man selber übernimmt.

 

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