Schlaf weiter, Schönheit.

Fünf Minuten nach Beginn der Vorstellung lehnt Simon sich zu mir rüber und murmelt: „Schon das war besser als der gesamte letzte Abend“. In den folgenden knapp eineinhalb Stunden nickt mein wie immer bunt gekleideter Sitznachbar noch ein paar Mal zustimmend mit dem Kopf. Ihm gefällt scheinbar, was er da auf der grossen Bühne des Theaters Basel zu sehen bekommt. Am Ende des Abends gibt er „Sleeping Beauty“ auf einer Skala von 1 (grauenerregend) bis 10 (unfassbar geil) eine glatte 7. Wir sind beide froh, dass unser zweiter Ballettbesuch den Eindruck des ersten nicht bestätigt hat.

Eigentlich wollte ich jedes Mal eine andere Person mit ins Theater nehmen, um danach aus der Perspektive meiner jeweiligen Begleitung über das Gesehene berichten zu können. Aber viele Pläne macht man ja eh nur, um dann bei ihrer Umsetzung zu begreifen, was von Anfang an die bessere Idee gewesen wäre. Nachdem Simon und ich also „Tewje“ gesehen und als im überholten Geschlechterverständnis herumtänzelnde Machofantasie identifiziert hatten, war klar, dass wir unseren Ausflug in die Welt der Pirouetten würden wiederholen müssen.

Einerseits, weil es dem Ballett gegenüber unfair gewesen wäre, wenn diese erste auch Hitzingers letzte Impression der klassischen Tanzkunst gewesen wäre. Was hätte er dereinst seinen Enkeln erzählen sollen? Andererseits, weil Simon Hitzinger das seltene Talent besitzt, unvoreingenommen und sehr genau hinzuschauen, das Gesehene konzentriert zu taxieren und am Schluss das Feedback in seiner eigensinnigen, sehr erfrischenden Direktheit zu formulieren. Ideale Voraussetzungen also, um ein Dornröschen-Ballett zu besuchen.

„Bis Rotkäppchen kam, fand ich’s super“, lautet zu meiner grossen Freude der erste von Simons Kommentaren, nachdem der Schlussapplaus für „Sleeping Beauty“ verklungen ist. Wir grinsen beide, überzeugt davon, einfach nur nicht kapiert zu haben, welche Figur die zu Beginn des 3. Aktes auftauchende, rot bemäntelte Andrea Tortosa Vidal tatsächlich darstellen sollte. Dass uns da wirklich Rotkäppchen erschienen war, wird erst bei der nachträglichen Programmheftlektüre klar.

Tschaikowski hat das Märchen für sein berühmtes Ballett nämlich dergestalt umgeschrieben, dass zu Auroras Hochzeit mit dem Prinzen Désiré (so heissen doch sonst die bösen Schwiegermütter?!) alle geladenen Gäste auf Wunsch des Königspaares in Märchenkostümen erscheinen. Ein Gast kommt dabei eben als Rotkäppchen. Nun ja.

Vielleicht sind es die sexualpsychologischen Konnotationen, mit denen Grimms Märchen aufgeladen sind, die Herrn Tschaikowski dazu veranlasst haben, die zwei drangsalierten Mädchenfiguren zusammen auftreten zu lassen. „Vielleicht mögen Ballettbesucher auch einfach gern Rätsel“, lautet Hitzingers etwas weniger tiefenpsychologisch fundierte Analyse.

Obwohl sich also die Irritation ob des vermeintlich verirrten Rotkäppchens später als Folge unserer Ahnungslosigkeit herausstellt, diskutieren wir nach der Premiere ausgiebig darüber, ob es die Märchen- und sonstigen Geschichtenvorlagen für eine Tanzveranstaltung dieser Art überhaupt braucht.

Wir sind uns recht einig darin, dass diese Choreografiearbeit von Alejandro Cerrudo keine literarische Vorlage benötigt hätte. Die Bilder, die er mit Hilfe seiner Tänzerinnen und Tänzer, den Licht- und Soundeffekten sowie der musikalischen Begleitung durch das Basler Sinfonieorchester an diesem Abend auf die Bühne malt, wären stark genug, um sich auch ohne Storyline der Phantasie der Zuschauer zu bemächtigen.

Eben durch die Arbeit mit einem Märchenstoff erzeugte Erwartungshaltung gerät das Storylining ins Zentrum unserer insgesamt eher milden Kritik: „Von mir aus könnten die auch einfach tanzen und ich erfinde mir meine eigene Geschichte dazu. Mich reisst das raus, wenn ich beim Zuschauen immer wieder vergleiche, ob das Getanzte nun mit der Geschichte übereinstimmt, die in meiner Erinnerung rumspukt“, fasst mein neuer Ballettfachmann seine Vorbehalte zusammen.

Alejandro Cerrudo hat den Dornröschen-Stoff noch ein Stück weiter vom Original entfernt in einer Traumwelt angesiedelt. „Vielleicht ist alles nur ein Sekundenschlaf Auroras“, erläutert der spanische Choreograf seine künstlerische Herangehensweise an die Geschichte sinngemäss im Interview.

Wie in einem Traum ist die Chronologie der Ereignisse denn auch durchaus verwirrend auf den Kopf gestellt. Wenn man nun, so wie Simon und ich, nicht bereits etliche schlafende Tschaikowski-Beauties auf der Bühne gesehen hat und dazu noch dezidiert unvorbereitet in einen solchen Abend geht, fliegt man immer mal wieder aus der Logik-Kurve.

Ist die Prinzessin nun wach oder schläft sie? Ersticht die böse Carabosse die Prinzessin oder spielt sie da gerade die Spindel? Und, verdammt, was hat Rotkäppchen da vorn zu suchen?! Von der Chronologie der Geschichte, die wir zu kennen meinten, ist der Plot dieses Ballettabends jedenfalls recht weit entfernt.

Jede Ballettkoryphäe wird nun an dieser Stelle müde lächelnd feststellen, dass es zwei so unwissenden Tölpeln wie Simon und mir selbst obliegt, sich rechtzeitig vor dem Besuch eines Ballettabends mit der Materie vertraut zu machen. Man könnte dieser Koryphäe dann entgegnen, dass das manch unbedarftem Ballettbesucher vielleicht doch ein wenig zu viel der exklusiven Kenntnisvoraussetzung sein könnte. Aber diesen kleinkarierten Disput würde man vermutlich irgendwann verloren geben müssen, um nicht länger als nötig über vermeintliche bildungsbürgerliche Pflichten zu streiten.

Abgesehen von unserer rotkäppcheninduzierten Verwirrtheit: Simon und ich sind beide angetan von unserem zweiten gemeinsamen Ballettbesuch. Im Gegensatz zum letzten Mal wirken die Tänzerinnen und Tänzer hier viel freier und weniger eingepfercht in einer choreografischen Idealvorstellung. Man meint, ihre Persönlichkeiten hinter den Figuren erkennen zu können, was konservative Ballettfans womöglich empört, uns beiden das Ganze jedoch weit lebendiger und fesselnder erscheinen lässt.

Das Bühnenbild von Bruno de Lavenière und die Lichteffekte David Debrinays lobt Simon gar als herausragend und erklärt sich dies unter anderem mit der Abwesenheit überflüssiger Dekorelemente, die, wie wir lernen durften, in anderen Balletts gerne auch mal zur sinnfreien Betanzung auf- und sogleich wieder abgefahren werden.

Bühne, Licht und Soundeffekte sind tatsächlich einen eigenen Absatz wert: hell und dunkel fliesst es da einen riesigen Vorhang aus Eisenketten hinab, Schattendornen bohren sich in die Bühnenwelt, psychedelische Klänge erzeugen bedrohliche, durchaus albtraumtaugliche Stimmungen und kontrastieren wirkungsvoll die Kompositionen von Werken Tschaikowskis, Philip Glass, René Aubrys und Jean Sibelius.

Neben den Special Effects steht, in angenehmer Nüchternheit platziert, ein profan in den Bühnenboden eingelassenes Laufband, auf dem sich Prinz Désiré zu Beginn und dann wieder gegen Ende der Vorstellung seiner mittig über dem Bühnenboden schwebenden Angebeteten zu nähern versucht.

Dieser Moment bildet den erzählerischen Rahmen des Abends: der Prinz rennt am Anfang auf der Stelle, am Schluss tut er es wieder – mit dem kleinen Unterschied, dass er Aurora beim zweiten Mal dann doch erreicht, wachküssen und mit ihr, ohne seine Lippen von ihren zu trennen, minutenlang kunstvoll über die Bühne tanzen kann.

Ein Abend voller eindrücklicher Bilder also, verlegt in einen Traum Auroras – ein Dornröschen-Déja-Vu ist es gewissermassen, was das Team um Alejandro Cerrudo da zur Uraufführung gebracht hat. Simon und ich sind uns ziemlich einig, dass ihm, seinem Ensemble und den Musikern das Projekt „Hundertjähriges Nickerchen“ gelungen ist.

Ob man dereinst davon sprechen wird, dass Herr Cerrudo mit diesem Abend Simon Hitzingers schlafende Leidenschaft für’s Ballett wachgeküsst hat, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur: er hat sie mit dieser „Sleeping Beauty“ nicht zu ewig währendem Schlaf verdammt.

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