Ein Kind für alle?

 

Diverse Konstellationen, in denen Menschen ihre Sehnsucht nach Nachwuchs nicht einfach so erfüllen können, landen in „Ein Kind für alle“ auf der schlichten Bühne. Um zeugungsunfähige Männer und Frauen geht es, um dänische Samenbanken, indische Leihmütter, jüdische Adoptiveltern und interkontinentale Geschwisterpaare. Der wesentliche Unterschied zu den meisten Beiträgen, die zu diesem ethisch nicht ganz unkomplizierten Thema sonst veröffentlicht werden: in „Ein Kind für Alle“ kommen Menschen zu Wort, die wirklich wissen, was Sache ist: die Betroffenen selbst nämlich.

Da ist die Mutter von sieben Kindern, von denen vier für andere Eltern ausgetragen wurden. Da ist das Kind, das ein Leben lang ahnt, adoptiert worden zu sein, von seinen Eltern jedoch erst viel zu spät die Wahrheit erfährt. Da ist der schwule Vater, der all den Anfeindungen, denen er im Alltag ausgesetzt ist, mit trockenem Humor und gesundem Menschenverstand begegnet. Und, ja, am Ende ist da noch dieser Marcel, der an einer Autobahnraststätte Bilder seiner über 50 Kinder zeigt, an deren Entstehung er beteiligt war.

Nach dem Schlussapplaus bestätigt Salome Goepfert meinen Eindruck eines aufschlussreichen, unterhaltsamen und ziemlich überzeugenden Abends. Was Anna Papst, Maude Vuilleumier & Mats Staub da auf die Bühne gebracht haben, ist weder moralinsaure Lehrveranstaltung, noch dogmatisches Revolutionsgezeter. Es wird einfach den Geschichten unterschiedlichster Menschen ein Platz auf der Bühne eingeräumt.

Die SchauspielerJonas Gygax und Christoph Rath sind dabei gewissermassen als Leihmütter dieser Schicksale aktiv: mit viel Ruhe und Feinsinn stellen sie ihre darstellerischen Fähigkeiten in den Dienst der Reproduktion teils lustiger, teils trauriger, immer aber hochinteressanter Lebensgeschichten. Die eine oder andere Macke der Interviewten übernehmen sie, ansonsten agieren sie gekonnt als bescheidene Geschichten-Spediteure.

Wenige Stunden bevor es auf der Bühne des ROXY mit „Ein Kind für alle“ losging, stimmte der Ständerat, passend zum Thema des Abends, einem Gesetzesentwurf zu, der es homosexuellen Paaren in der Schweiz zukünftig ermöglichen soll, Kinder zu adoptieren. Man ahnt schon, wie das hysterische Gekläffe der Hetero-Gartenzwerge massenhaft durch die Kommentarspalten und Online-Foren hallen dürfte: der Untergang des Abendlandes stehe bevor, ein Kind brauche doch, um Gottes Willen, Mutter und Vater!

Wie perfekt das in der Realität funktioniert, beweisen ja die zahllosen intakten, zutiefst glücklichen Hetero-Familien, in denen alle wahnsinnig offen miteinander umgehen und immer Zeit und Verständnis füreinander aufbringen, weshalb sie sich bis an ihr Lebensende derart blendend miteinander verstehen, dass keiner mehr ein Wort ohne Anwalt oder Psychiater mit dem anderen redet.
Ein Kind wird nicht unglücklich, wenn Liebe, Geborgenheit, Verständnis und Zugehörigkeit von Bezugspersonen stammen, die beide einen oder keinen Penis haben. Ein Kind wird unglücklich, wenn ihm Liebe, Geborgenheit, Verständnis und Zugehörigkeit fehlen. Bloss weil etwas anders ist, als es einem beigebracht oder vorgelebt wurde, muss es nicht falsch, schlecht oder böse sein. Aber das ist zu vielen Menschen viel zu kompliziert. Da müsste man ja nachdenken und sich infrage stellen. Dagegen wüten ist viel einfacher.

Nach dem Stück erklärt Salome Goepfert mir unter anderem, warum das mit den Adoptionen und den sogenannten „Regenbogenfamilien“ juristisch überhaupt so kompliziert ist. Es geht um einen sensiblen Umgang mit dem Recht der Kinder, eines Tages ihre biologischen Eltern kennenzulernen, und den traditionell an die genetische Verwandtschaft gekoppelten Rechten und Pflichten der leiblichen Eltern. Klar wird: es ist vergleichsweise leicht, ein Kind zu zeugen. Eins zu haben ist sehr viel schwieriger. Vor allem dann, wenn nicht einfach so eines bekommen kann und sich vor der Gesellschaft rechtfertigen muss, warum man trotzdem gerne eines hätte.

Das einzige, was man „Ein Kind für alle“ vorhalten könnte, wäre wohl, dass auch hier, wie in der gesellschaftlichen Debatte, diejenigen nicht wirklich zu Worte kommen, um deren Wohl es doch schlussendlich geht: die Kinder selbst. Was daran liegen mag, dass wir die lieben Kleinen traditionell lieber nicht fragen, was sie denken, sondern über ihre Köpfe hinweg entscheiden, was ihnen zuzumuten und was für sie gut ist und was nicht.

„Ein Kind für alle“ beantwortet also gewiss nicht alle Fragen, die sich zu diesem Thema stellen. Schauen Sie diesen Abend trotzdem. Er ist ein sehr gelungenes Beispiel dafür, was die Bühne besser kann als ein Fernseher, eine Tageszeitung oder der Bildschirm eines Telefons. Und eine sehr unaufgeregt daherkommende Aufforderung dazu, die eigenen Kategorien von Glück, Freiheit und Normalität wieder einmal auf den Prüfstand zu stellen.

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