Lass ma‘ Jesus gucken.

Das wird ein Verriss. Schon Tage vor der Premiere von „Jesus Christ Superstar“ geistert mir dieser Gedanke durch den Kopf. Ich mag Musicals nicht. Sie sind mir zu bunt, zu schwülstig, zu zwanghaft-fröhlich und zu plakativ. Ich werde mich lustig machen müssen über verkleidete Leute, die mit weit aufgerissenen Augen und Mündern durch ein überladenes Bühnenbild hüpfen, derweil sie poppig singend und eurythmisch tanzend irgendwelche stereotypen Inhalte transportieren.

Ich bin die fleischgewordene Voreingenommenheit gegenüber dem Musicaltheater. Mich in diese Premiere zu setzen, um danach eine Kritik darüber zu verfassen, ist im Grunde genommen in jeder Hinsicht eine Anmaßung. Umso wichtiger ist die Auswahl meiner Begleitung. Sie muss offener sein als ich, sonst bleibt es unfair dem Abend und seinen Akteuren gegenüber. Ein Haufen Leute hat sich wochen- und monatelang damit abgerackert, Andrew Lloyd Webbers weltbekannte Rockoper auf die Bühne zu bringen.

Richard Henschel, der „no‘ nüscht soweit“ an diesem Abend vorhat, wie er mir in sackbreitem Ostberliner Dialekt am Telefon versichert, erweist sich als idealer Gast. Zwar ist er freischaffender Schauspieler und damit für mein Projekt Rampensau, in dem ich nur Menschen mit ins Theater nehme, die sonst nicht hingehen würden, eigentlich disqualifiziert.

Jedoch: Richard ist eben doch der Richtige für den Job. Eher noch als Tickets für die Premiere eines Andrew-Lloyd-Webber-Musicals würde der sich doch Billets für eine Matinee mit Roger Köppel und Christoph Blocher kaufen. Letztere würde er dann mit politischen Zwischenrufen stören. Vielleicht steht Blocher ja auf Musicals? Vielleicht treffen wir ihn zufällig in Basel auf der Premiere? Vielleicht mag er mit Henschel die Durchsetzungsinitiative diskutieren?

Eigentlich wohnt Richard in Brandenburg, wo er seit mittlerweile neun Jahren beim international erfolgreichen Wandertheater „Ton und Kirschen“ spielt. Jawoll: Wandertheater. Das volle Programm: mit Bauwagen und Grundstück am See und Bühnen- und Kostümbild Marke Eigenbau.

In gewisser Weise macht Richard beruflich also das Gegenteil von Stadttheater, rede ich mir meine inkonsequente Entscheidung, ihn mitzuschleppen, weiter schön. Was soll’s. Den idealen Gast, einen christlichen Ex-Priester mit jüdischen Königen im Stammbaum, der zu Beginn der 70er in New Yorks Hippieszene aktiv war, habe ich nun mal nicht rechtzeitig kennengelernt.

Richard Henschels Frau ist Schweizerin. Immer wieder hat die vierköpfige Familie während ihres Brandenburger Theater-Exils auf einem Bauernhof im Emmental überwintert. Vor kurzem haben sie sich nun dazu entschlossen, zurück in die Schweiz zu ziehen. Richard kündigte seinen Job bei „Ton und Kirschen“ und ist nun auf der Suche nach einem Hof bei Nuglar. Und nach einem Job als Schauspieler. Auch statisch fest verankerte Bühnen kommen infrage.

Wie er so dasteht, mein langhaariger, unangepasster, autoritätskritischer Freund, inmitten des festlich angelegten Basler Bürgertums, geht mir auf einmal durch den Kopf, dass Jesus heutzutage womöglich auch bei einem Wandertheater spielen und einen Bauwagen bewohnen würde. Wo soll man denn schon hin als Querdenker und Feind des Kapitals – entweder in die Politik, in den Untergrund oder eben: in die Kunst. So ein basisdemokratisch angehauchtes Wandertheater – für den modernen Jesus wäre das doch ein idealer Unterschlupf. Vielleicht…

„Henschel, zeig mal Deine Handinnenflächen, bitte. Und sag mal, magst Du Weihrauch?“

Kommen wir endlich zu Andrew Lloyd Webbers Rockoper. 1971 in New York City uraufgeführt, zeichnen 2016 in Basel für die Inszenierung Tom Ryser, für die Choreografie Lillian Stillwell und für die musikalische Leitung Ansi Verwey verantwortlich. Eine gefühlte Hundertschaft aus Sängerinnen, Tänzerinnen und Darstellern ist an der Aufführung beteiligt, allein zwei verschiedene Chöre wurden für die Show engagiert.

In der Pause erzählt mir Henschel, dass er „Jesus Christ Superstar“ gern hatte als Kind und dass seine Eltern das Musical tatsächlich auf Platte hatten. Auch die Verfilmung des Stoffes habe er gesehen, und obwohl dies schon so lange zurück läge, habe er den Eindruck, als wäre das heutige Bühnenspektakel eine ästhetische Imitation des Films.

Schnell wird klar: mein linker Freund ist ein sehr viel versierterer und differenzierterer Musical-Betrachter, als ich es zunächst angenommen hatte: „Da ist nicht wirklich viel Eigenes dabei“, lautet Richards Einschätzung, „irgendwie erzählt es mir nichts darüber, was der Stoff heute noch mit mir zu tun hat“.

Dabei sei die Geschichte an sich doch hervorragend: „Da ist dieser Typ, den alle für seine ziemlich radikale Denke anhimmeln und von dem alle etwas wollen – aber der will eigentlich etwas ganz anderes und findet seine Heldenrolle schrecklich. Trotzdem stellt er längst eine Gefahr für die Mächtigen seiner Zeit dar und gerät in deren Visier. Im Grunde ist das doch der ultimative Plot“.

Als „Jesus Christ Superstar“ Anfang der 70er herauskam, schlug die in ein zeitgenössisches Gewand gekleidete Geschichte des sogenannten Erlösers tatsächlich ein wie eine Bombe. „Damals war der Hippielook ja auch hochaktuell“, resümiert Henschel, „da war das frisch und ein glasklares Zeichen für Unangepasstheit, Aufruhr und Revolte. Jesus so zu zeigen, damals hat das Leute dazu verführt, seine Geschichte völlig neu zu sehen. Heute – naja. Hippies. Wer interessiert sich heute noch für Hippies?“. Oder für Jesus, verkneife ich mir zu ergänzen.

Ein einziges Mal höre ich Richard in der ersten Hälfte lachen: als fünf Mitglieder einer Spezialeinheit in martialischen Kostümen die Bühne entern nämlich. „GSG9-Ballett, Henschel prustet“ notiere ich mir. Und vergesse später zu fragen, ob seine Erheiterung etwas damit zu tun hatte, dass er, einer der politisch Aktivsten unter meinen Freunden, die Staatsmacht gröber in Erinnerung hat, als dieses grazile SWAT-Quintett sie darstellt.

Den zweiten Teil des Abends findet Henschel dann bedeutend besser und stringenter als den ersten. Die Figuren hätten klarere Konturen, Sound und Story entwickelten einen Sog, die Szenen wirkten nicht mehr einfach nur wie aneinander gereihte Songeinheiten. Matthias Pagani habe als Pontius Pilatus eine hervorragende Figur gemacht, und auch Karl-Heinz Brandt, der die Rolle des König Herodes und damit die laut Richard Henschel ultimative Shownummer des Abends übernimmt, habe einen wirklich guten Job gemacht.

Jesus Christus alias Alexander Klaws, der nach seinem Erfolg in „Deutschland sucht den Superstar“ 2003 nun auch den Titel „Jesus Christus Superstar“ führen darf, lieferte in der Gethsemane-Szene die Grundlage dafür, dass es am Ende des Abends Standing Ovations geben würde.

Maria Magdalena, gespielt von Andrea Sánchez de Solar, trat entschlossener auf und Judas (Patrick Stanke), der ja schon in der ersten Hälfte überzeugt hatte, legte noch eine Schippe Broadway drauf. Und so geschah es, dass Richard Henschels Urteil nach dem durchaus begeisterten Schlussapplaus der Baslerinnen und Basler sehr viel positiver ausfiel, als es zur Pause noch zu vermuten stand.

„Die zweite Hälfte hat die Erwartungen bedient, mit denen man meiner Meinung nach in so einen Abend geht“, erklärt mir Henschel. „Am Ende war ja doch noch richtig Bumms und Lämpchen und Drehbühne und Drama – da ist dann die Frage, ob das nun genau so inszeniert werden musste, nicht mehr so wichtig“, meint er.

„Ein bisschen haben sie sich im zweiten Teil allerdings auch von der Vorlage gelöst und sich freigeschwommen“, so sein Eindruck. „Das war insgesamt viel besser“. Dass der Abend ruhig noch ein bisschen lauter und kantiger hätte sein dürfen für seinen Geschmack, dabei bleibt er dann jedoch weiterhin. „So war’s halt doch ein bisschen Ü-40 Rockoper“, subsummiert er.

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