Und am Ende ist Pogrom.

Als wir uns an der Pforte vorm Foyer treffen, weiss der junge Mann mit dem zartrosafarbenen Hoodie noch nicht, was ihn erwartet. Wir begrüssen uns im Regen, die Leute gucken, wie immer, wenn der menschliche Papagei in seinem pinken Rollstuhl irgendwo auftaucht. Ich hole die Tickets, kehre zurück, Simon hat sein Handbike mittlerweile abgeschlossen und macht von irgendetwas irgendwelche Fotos.

„Und weisst Du, was wir gucken?“, frage ich ihn mit einem breiten Grinsen.

Er verneint. Also kläre ich ihn auf: „Zwei Stunden Handlungsballett. Ich weiss nicht, ob es eine Pause gibt. Freust Du Dich?“

Seine Antwort kommt ohne Verzögerung. „Arschloch“.

Wir rollen und gehen ins Foyer, wo es irgendwie nach geschmolzenem Käse riecht. Wenn mein Humor so richtig schlecht wäre, würde ich an dieser Stelle dumme Witze über ein vorangegangenes Handlungsraclette machen. Er ist aber nur halb schlecht, also lasse ich das.

Simon und ich nehmen unsere Plätze ein. In puncto Zugänglichkeit kann man an dieser Stelle dem Theater Basel mal ein kleines Kompliment machen, denke ich. Hitzinger, korrigier mich, wenn ich falsch liege.

Simon Hitzinger und ich kennen uns vom wildwuchs Festival. Da habe ich ihn als Botschafter angeworben und wir haben recht schnell Freundschaft geschlossen. Ich mag die Mischung aus Proll und Philosoph, die bei ihm recht ausgeprägt zu erkennen ist. Umgekehrt ist es vielleicht ähnlich. Deswegen hielt ich es für eine gute Idee, ihn mitzunehmen in den Tanz-Spiel-Abend.

Um es gleich vorweg zu sagen: er und ich, wir haben beide keinen blassen Schimmer vom Ballett. Hitzinger war einmal Tanz gucken, erzählt er, seine Oma habe ihn mitgeschleppt, er wisse nicht mehr, was und wann, aber es sei ganz gut gewesen. Ich habe in meinem schon ein paar Jahre älteren Leben auch nicht viel mehr tänzerische Erfahrungen gesammelt als er. Dieser Text dürfte also all denen wehtun, die sich als „tänzerisch versiert“ bezeichnen würden.

So denn: „Tewje“, choreografiert von Richard Wherlock. „Das wird gendermässig wahrscheinlich ne Katastrophe“, kommentiert jemand aus meinem nächsten Umfeld.

Machen wir es kurz: Hitzinger beschwert sich in der Pause, dass ihm die Bewegungen der Männer zu weiblich seien. Hansen beschwert sich, dass ihn die Inszenierung der Geschlechterrollen nervt.

Das Gender-Problem der Tewje-Inszenierung (sagt man das beim Ballett? Inszenierung? Oder heisst es nur Choreografie?) ist eher, dass es eben konservatives Ballett ist, was man da zu sehen bekommt. Was vielfach bedeutet: übermütiges Männchen lässt scheues Weibchen schweben. Das ergibt sich notwendigerweise auch aus der biologischen Verteilung der Körperkräfte, schon klar.

Tewje spielt Ende des 19. Jahrhunderts in einem Stetl. Da war wohl nicht allzu viel mit progressiver Gendertheorie. Aber: wenn man das Wort „Negerkönig“ aus Pippi Langstrumpf streicht, um zukünftige Kindsköpfe vor rassistischer Hirnerweichung zu bewahren, darf man gerne auch mit dem Tarzan-Jane-Klischee ein wenig brechen. Eine wortwörtliche Auslegung gilt auch im Falle des Alten Testaments und des Korans nicht mehr unbedingt als kulturelles Must-Have.

Zurück zum Tanz.

Die erste Hälfte des Abends (ja, es gibt eine Pause) macht durchaus Laune. Das, was da auf der Bühne getanzt wird, ist spektakulär anzusehen. Unglaublich, was man dem menschlichen Körper für Bewegungsabläufe abtrotzen kann. Wir sind uns einig, dass die Tänzerinnen und Tänzer einen Riesenjob machen. Warum nun aber welche ihrer Bewegungen an welcher Stelle der Choreografie vollzogen werden, bleibt sowohl meinem Freund Hitzinger als auch mir über weite Strecken unklar.

Das ganze heisst „Handlungsballett“ – warum noch gleich? Weil eine Geschichte die Grundlage der Choreografie bildet? Ist dann nicht – `tschuldigung, blöde Frage womöglich – jedes Ballett ein Handlungsballett? Irgendeine Geschichte wird da doch immer erzählt, wenn es auch nicht unbedingt die aus einer literarischen Vorlage sein muss. Was ist denn wohl das Gegenteil eines Handlungsballetts?!

Im Programmheft ist die Geschichte, die erzählt werden soll, nachzulesen. Und natürlich ist es immer gut, zu wissen, was man sich anschaut, wenn man ins Theater geht. Wenn nun aber explizit „Handlungsballett“ draufsteht, dann weckt das doch bei manch einem womöglich die Erwartung, man könne die Handlung auch ohne fundierte Vorkenntnisse der Geschichte begreifen. Vielleicht gibt es aber auch noch die Kategorie „Erzählballett“ und ich habe da was falsch verstanden.

Zu Beginn der Pause klopft eine betagte Dame Hitzinger auf die Schulter. Sie sei 93 Jahre alt und gehe nun nach Hause, da sie die Aufführung schon kenne. Die drei Töchter fände sie übrigens hervorragend. Hitzinger hatte bis zu diesem Hinweis keine Ahnung, dass da ein Familienzusammenhang getanzt wurde. Ich hätte es auch nicht begriffen, wenn ich nicht nachgelesen hätte. Nun wussten wir es beide. Vielleicht würde das der Verständlichkeit des zweiten Teils der Geschichte gut tun? Vielleicht würden wir in der zweiten Hälfte des Abends das Aha-Erlebnis haben, das uns zu leidenschaftlichen Tewje-Fans machen würde?

Gegen 22 Uhr sitzen wir bei lauwarmem Fastfood in Simons Wohnung. Unsere Unterhaltung über den Abend im Wortlaut wiederzugeben würde einerseits den Rahmen dieses Artikels sprengen und uns andererseits als hoffnungslose Kulturbanausen dastehen lassen. Hitzinger erklärt, um es auf den Punkt zu bringen, dass die Wahrscheinlichkeit, wieder mal ins Ballett zu gehen, für ihn nach dem Besuch von Tewje gleich gross geblieben wäre wie zuvor. Es käme halt darauf an, was parallel im Kino laufe.

Kino ist im Allgemeinen ein gutes Stichwort, um Simons Rezeption des Abends daran aufzuhängen. Zum einen sagte er mir, dass ihn der Abend an einen Disneyfilm erinnert habe. Musikalisch, choreografisch und ästhetisch. Nur habe ihm eben leider die Storyline gefehlt, die alte Disney-Tanzfilme so sehenswert mache. Mit mehr erzählter Geschichte, so Hitzingers Urteil, wäre Ballett auf jeden Fall eine tolle Sache, die man keinesfalls dem Spardiktat kulturfeindlicher Finanzpolitiker opfern dürfe.

Am besten gefallen habe ihm eben schlussendlich auch der Film, der während des gesamten Abends auf die Rückwand der Bühne projiziert wurde. In schwarzweissen Super-SloMo-Bildern wurden da Aufnahmen der gerade Tanzenden gezeigt, aber auch Landschaftsbilder, teigknetende Hände und Pferde beim Kauen. Das fressende Pferd lief, als auf der Bühne gerade die Nachwirkungen eines alkoholreichen Hochzeitsfestes getanzt wurden. Fraglos ein Highlight des Abends!

Bedauerlich und problematisch fand Simon Hitzinger zudem, dass so viel gleichzeitig passierte auf der Bühne und seine Konzentration zwischen den einzelnen Ereignis-Inseln verloren ging. Beim Versuch, alle Details einzufangen, habe er den Überblick verloren, was zum Eindruck der Unverständlichkeit der Handlung beigetragen haben dürfte. Simon hätte sich einheitlichere Kostüme und in den Massenszenen einheitlichere Choreografien gewünscht.

Ein grundlegendes Rätsel blieben uns beiden die bühnenbildnerischen Elemente, die aufgefahren und mitunter sogleich wieder abgefahren, -getragen bzw. -gezogen wurden. Papierrollen, die vom Himmel schweben, Litfassäulen, die man auch für gigantische Lockenwickler, Klopapierrollen oder industrielle Abflussrohre hätte halten können – irgendwie seltsam, all das. Durchaus dekorativ und natürlich irgendwie betanzbar, ansonsten aber tendenziell eher überflüssig, lautet das Urteil der Banausen.

Als es ganz zum Ende von Tewje dann noch dramatisch wird und die Dorfbewohner die Flucht ergreifen müssen, fällt das Gefühl, in einer konsistenten Geschichte zu stecken, bei uns beiden endgültig in sich zusammen. „Ist das Krieg jetzt?“, fragt mich Hitzi etwas ratlos, während auf der Bühne Papier von eigens dafür herabgelassenen Rollen abgerissen wird und im Hintergrund schwarzweisse Flammen und laufende Füsse auf Eisenbahngeleisen projiziert werden.

Vielleicht bin ich kleinlich, aber unter einem Pogrom stelle ich mir etwas Drastischeres vor, als es in diesem Fall erkennbar wurde. Zu keiner Zeit transportierte sich ein Gefühl von Gefahr, was irgendwie seltsam ist, ging es doch um den Zerfall einer jüdischen Gemeinschaft unter dem stärker werdenden Einfluss des Antisemitismus.

Und mit Bildern laufender Füsse auf Eisenbahngeleisen im Zusammenhang mit Pogromen an Juden sollte man übrigens vorsichtig sein. Wer an dieser Stelle der Inszenierung nicht über den Zusammenhang zwischen Videoprojektion und historischen Tatsachen klagt, darf auch nicht meckern und sich auf Texttreue berufen, wenn die Infragestellung des Tarzanösen in einer klassisch-sexistischen Geschichte zum Thema erhoben wird.

Aber vielleicht ist das auch böse Zensur und man sollte alles so stehen lassen, wie es irgendwann einmal geschrieben worden ist. Allerdings erscheinen ja nicht ohne Grund kommentierte Ausgaben inhaltlich problematischer Texte. Im Falle der Bühne ist es, wie ich finde, die Aufgabe der Inszenierenden, die Anmerkungen künstlerisch einzubauen. Das ist leider nicht geschehen in diesem Fall.

Wenn wir nicht gegen 23:00 Uhr die Nachbesprechung bei Pommes-Mayo abgebrochen hätten, wäre also vielleicht noch etwas Verstimmteres entstanden als dieser Text. Sowas im Stil von: „Verschiedene Männer bezirzen eineinhalb Stunden lang verschiedene Frauen. Liebe, Drama, Leidenschaft. Und am Ende ist Pogrom“.

Zum Glück bin ich rechtzeitig nach Hause gegangen. Hätte man ja gar nicht schreiben können, sowas Dreistes, wo wir doch beide keine Ahnung vom Ballett haben.

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