Der Wächter.

MIT WÄCHTER AM WEIHNACHTSMARKT
Unterwegs in der echten Welt mit einem Schauspieler.

Mittwoch, 9. Dezember 2015, 16:01 Uhr.

Er lächelt mich aus einer gefühlten Höhe von 2,20 Metern an. Vielleicht denkt er: „Niedlich, der Kleine mit der Lederjacke und der bunten Kappe“. Vielleicht denkt er auch: „Hoffentlich war’s kein Fehler, diesem Proll hier ein Gespräch zuzusagen“. Zu spät ist es eh, er hat sich drauf eingelassen, 16 Uhr an der Pforte vom Theater, und da stehen wir nun.

Es ist Michael Wächters freier Nachmittag, der für unser Treffen draufgeht. Und freie Tage haben Schauspieler am Stadttheater tendenziell nicht allzu viele. Vor allem dann nicht, wenn gerade ein neuer Intendant das Haus übernommen hat. Dann darf man als Schauspieler von der Idee einer Work-Life-Balance kurz mal Abstand nehmen. Macht man ja aber gerne für die Kunst. Die Rolle des erholten Urlaubers kann ein Schauspieler im Notfall ja improvisieren.

Tagsüber Proben, Abends Vorstellungen, dazwischen Text lernen und Kostümprobe und Publikumsgespräch und hier ein Anlass und da eine Verpflichtung. Auch und gerade am Theater gibt es zahllose Dinge zu erledigen, an die man als Anwärterin auf einen Schauspielschulplatz nicht unbedingt denkt. Theoretisch hat man natürlich auch als Schauspieler geregelte Arbeitszeiten – nur sind die Regeln eben etwas anders als im regulären Schichtdienst. Abende, Wochenenden, Feiertage: voll mit Programm. Köchinnen, Krankenpfleger und Schauspieler haben ähnlich unsoziale Arbeitszeiten.

„Wonach ist Dir“, frage ich, „Spaziergang? Zolli? Kneipe?“. Er sieht irgendwie zu chic aus für den Zoo. So schauspielerchic: braune Lederschuhe, feiner Mantel, dicker Schal, Bluejeans. Alles elegant-lässig, nicht unedel, aber auch nicht zu posh. Stilbewusst halt. Die HipHop-Strickmütze fällt ein bisschen aus dem ansonsten seriösen Rahmen. Sie erzählt was vom Nicht-Endgültig-Erwachsen-Werden-Wollen. Dabei ist die Gefahr, am Theater so richtig erwachsen zu werden, eigentlich gar nicht so furchtbar gross.

„Lass uns den Weihnachtsmarkt angucken. Dann kann ich wenigstens erzählen, dass ich den schonmal gesehen habe“, sagt er, und ergänzt: „Ich hänge hier momentan fast nur mit Kolleginnen und Kollegen rum, von Basel kriegen wir leider nicht so viel mit.“

Wir gehen die 250 Meter zum Barfüsserplatz, bleiben kurz beim „41. Basler Kerzenziehen“ stehen, entschliessen uns dann aber wortlos dagegen, uns an die Kessel mit geschmolzenem Wachs zu stellen. Um eine halbe Stunde lang Baumwolldochte einzutunken sind wir definitiv zu nüchtern. Also laufen wir zwischen den Holzhütten herum, vorbei an Gehäkeltem, Glänzendem und mit Zimt Gewürztem. Man merkt Michael ein bisschen an, dass er noch nicht so recht in Basel angekommen ist. Seine Grundgeschwindigkeit ist zu hoch. Er wirkt ein bisschen gehetzt, unter Strom, schlendern ist nicht so seins, aber vielleicht wirkt er auch einfach nur ob seiner Grösse schneller als der Rest. Die Basler Gelassenheit wird ihn früher oder später schon noch kriegen.

Seit Juni ist Michael Wächter als Schauspieler in Basel. Vorher war er fünf Jahre am Theater in Weimar engagiert, er hat also schon Stadttheatererfahrung. Schauspiel studiert hat er in Berlin, an der Ernst Busch, um genau zu sein. Das ist die Schule, die im deutschsprachigen Raum wohl am bekanntesten ist. Genau das weiss man dort auch. „An der Busch bist Du gewissermassen gezwungen, Dich mit einem Mindestmass an Arroganz und Eitelkeit zu panzern, wenn Du nicht untergehen willst“, erzählt Michael später. Ich weiss, wovon er redet. Zwar habe ich nicht Schauspiel an der Busch, sondern Szenisches Schreiben an der UdK Berlin studiert, aber ich kenne den permanenten Konkurrenzdruck in der Theaterszene.

An meinem 25. Geburtstag habe ich das Experiment gewagt, die neuen Freunde von diversen Theater-Unis und Schauspielschulen mit alten Freunden zu kombinieren, die in weniger showlastigen Berufen tätig waren. Ein einziges Desaster: hier die leicht panisch auf der Ego-Welle surfenden Kulturfuzzis, hysterisch die eigene Unsicherheit in Lautstärke und Alkohol ertränkend. Dort die konsternierten Menschen aus der „echten“ Welt, die am Rand der Szene-Manege standen und mich mit hochgezogenen Augenbrauen ansahen: „Im Ernst, Alter – sind die da alle so, wo Du jetzt studierst?!“ Der Abend endete nur knapp nicht in einer Schlägerei.

Anders, als man vielleicht meinen könnte, lernen Ensemble-Schauspieler also gar nicht automatisch total viele Leute aus ihrer Stadt kennen. Die Tatsache, dass sie so viel Zeit in ihrer eher abgeschlossenen Theaterwelt verbringen, macht die Kontaktaufnahme mit Aussen manchmal ein bisschen kompliziert. Wenn man um 23.30 Uhr aus einer Aufführung kommt, braucht man eine Weile, um wieder auf der Erde anzukommen. Ein erhöhter Adrenalinspiegel gehört zu diesem Job. Wenn man als Friseur oder Mechnikerin im Ausgang auf so eine Horde aufgeputschter Ensemblemitglieder trifft, kann der Eindruck entstehen, dass dieser Club von Shiny People lieber unter sich bleiben will – Schampus saufen, Kaviar lutschen und Hamlets Taten diskutieren im moralischen Kontext des elisabethanischen Zeitalters oder so.

Aber das ist selbstverständlich Schwachsinn. Viele Schauspieler wirken auf manch einen wohl etwas einschüchternd. Sie können halt gut reden, sie wissen, wie man sich zu bewegen hat, die meisten sind auch ohne Maske und Kostüme charismatisch und irgendwie hübsch. Vor allem sind sie natürlich daran gewöhnt, sich öffentlich zu präsentieren. Aber die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler haben überhaupt keinen Bock darauf, sich ununterbrochen nur mit anderen Leuten vom Theater über Theatersachen zu unterhalten. „Wir machen das ja nicht für uns“.

Michael Wächter wirkt wie ein ziemlich bescheidener, zurückhaltender und höflicher Mensch. Gar nicht so wirklich Rampensau also unbedingt. Diesen speziellen Knick im Selbstbild, den man bei Theaterleuten häufig findet, kennt auch er: „ist das, was ich hier mache, überhaupt ein Job? Wie legitimiere ich das, was ich hier tue, vor jemandem, der jeden Tag für ein paar Franken knuffen geht und dann Abends eine Stange Geld hinlegt, um mir beim Rumkaspern zuzugucken?“ Dafür bezahlt zu werden, auf einer Bühne so tun, als wäre man die rachsüchtige Tochter irgendeines antiken Gottes, ist halt schon etwas unkonkreter als das Aufgabengebiet eines Stadtreinigers.

Michael Wächter und ich laufen ins Kleinbasel. Kaufen uns in der Rheingasse einen Glühwein und setzen uns neben eine dieser Feuerschalen, die einem mittlerweile in jedem Baumarkt hinterhergeschmissen werden. Eigentlich wollte ich ihn fragen, ob er findet, dass es das Theater überhaupt noch braucht, aber wir reden irgendwie eh schon die ganze Zeit über dieses Thema.

Michael sieht das, wenn ich ihn recht verstanden habe, ungefähr so: Auf das Theater als elitären Ort der Wissensvermittlung kann er gut verzichten. Auf das Theater als Ort der Diskussion hingegen nicht. „Wo sonst kann man noch wirklich etwas ausprobieren?“, fragt er, „wo sonst kann man sich laut, lange und offensiv mit kontroversen Themen auseinandersetzen?“. So wie in „Engel in Amerika“, beispielsweise, einer Mammutproduktion, in der Michael eine der Hauptrollen spielt. Fast sechs Stunden Theater über HIV und AIDS in den 80ern, die so schnell vergehen wie drei Folgen Narcos auf Netflix.

„In Weimar war ich nicht an einem Theater mit lauter Superstars. Ulrich Matthes liest aus dem Telefonbuch und wird zum Theatertreffen eingeladen – so war das bei uns nicht. Wir mussten uns echt was ausdenken, um Leute in die Vorstellungen zu kriegen. Das funktioniert heute eben nicht mehr von selbst, bloss weil Du mit einer textnahen Inszenierung von Richard III wedelst. Wenn Du Leute ins Haus holen willst, die sonst vielleicht eher einen Bogen ums Theater machen, musst Du runter vom hohen kulturelitären Ross. Parties schmeissen und Unterhaltung bieten, die man auch ohne Doktortitel in Literaturgeschichte schnallt. Sonst kaufen sich die Leute eben doch lieber die dritte Iphone-Hülle, bevor sie ihr Geld für einen Theaterabend raushauen, den sie am Ende mit dem Gefühl verlassen, nicht dazuzugehören.“

Wir nehmen noch ein Bier, weil der Glühwein im Laden, dessen Stühle wir in Beschlag genommen haben, noch nicht glüht. Kurz reden wir darüber, wieso immer noch so viele Leute den Eindruck haben, Theater sei eher was für die selbsternannte geistige Elite. „Manche Leute wollen sich eben ihre letzten Heiligen in dieser engellosen Zeit nicht auch noch beschädigen lassen“, mutmasst Michael Wächter und nimmt einen Schluck Bier. „Aber vielleicht kommt einem das selber auch schlimmer vor, als es schlussendlich ist. Vielleicht ist das Theaterpublikum heterogener, als man mitunter auf Premierenparties denken könnte“.

Michael stammt aus einem Journalistenhaushalt. „Meine Eltern haben mich eher ins Kabarett geschleppt als ins Gewandhaus“, erzählt der gebürtige Leipziger. Aber er kommt aus einem kulturnahen Haushalt und Theater war für ihn etwas halbwegs Alltägliches. Dass das eine Voraussetzung dafür sei, sich am Theater wohl zu fühlen oder zu etablieren, glaubt er jedoch überhaupt nicht. „Manchmal beneide ich Leute, die nicht diese anerzogene Hochachtung vor allem Kulturellen mitbringen, um ihre Lockerheit.“, gibt Michael zu.

„Neulich kamen nach einer Vorstellung ein paar junge Leute auf mich zu und meinten: ‚Das war saugut, man, gehst Du noch mit uns ein Bier trinken?‘. Ich habe mich gefreut, weil die nicht so aussahen, als wären sie dauernd auf Premieren und irgendwelchen Vernissagen unterwegs. Später stellte sich dann raus: das waren Jungs und Mädels, die am Bühnenbild für’s Stück mitgemalt haben. Also auch nicht wirklich Externe, sozusagen“. Vielleicht liegt ja aber auch genau darin die Stärke des Theaters: Elektriker, Tischlerinnen und Dramaturgen schaffen zusammen an einem Ort, um gemeinsam etwas Grösseres entstehen zu lassen. So wird das Theater hinter den Kulissen sehr wohl zu einer Begegnungsstätte für Menschen mit unterschiedlichsten Interessen.

Trotzdem ist es ein bisschen absurd: da reissen sich Leute jeden Tag den Hintern auf, um das Theater zu einem Interessanten Ort für alle zu machen, und sind dabei so sehr damit beschäftigt, einen guten Job hinzulegen, dass sie nicht wirklich dazu kommen, denen, die Theater für Klugscheisserei halten, zu sagen: los, kommt mal gucken! Ist wirklich nicht alles so schrecklich, wie Ihr denkt!“.

(10.12.15//christian hansen)

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